August 26:
Jetzt ist es tatsächlich vierzehn Jahre her, dass ich einen Schlaganfall hatte.
In den ersten elf Jahren konnte ich noch in der Wohnung, mit dem STOCK GEHEN. Dort bin ich aber INSGESAMT NEUN MAL GESTÜRZT.
Danach musste ich einsehen, dass ich aktuell für die STURZPROPHYLAXE konstruktiver mit dem Thema umgehen musste.
Der Grund?
Meine Kräfte in den Beinen hatten so nachgelassen, dass ich mich um einen Rollstuhl kümmern musste.
Darum wurden dringende Veränderungen notwendig:
1. ROLLSTUHL AUSLEIHEN, FÜR PROBEFAHRTEN IN DER WOHNUNG,
2. LEICHTMETALL ROLLSTUHL KAUFEN (oder beantragen bei der Kasse),
3. ELEKTRO-ROLLSTUHL, LEIHEN von der Kasse. (Deswegen so wichtig, da die Kasse dann auch evtl. Reparaturen bezahlt.)
Und nun arbeite ich, seit drei Jahren, an der AKZEPTANZ: „Ja, ich musste einsehen, dass ich, mit 80 Jahren, im Rollstuhl sitzen muss.“
Viel Arbeit war es, damit Frieden zu schließen. Und ich musste ebenfalls einsehen, dass die Hausverwaltung es vehement ablehnte, eine Haustür einzubauen, die elektrisch zu öffnen wäre. Denn ich bin nicht mehr in der Lage diese alleine zu öffnen und somit stressfrei aus dem Haus hinein- und wieder herauszukommen.
Und darum begann, mit Hilfe eines ROLLSTUHL-FACHMANNES, der weite Weg, um für mich eine gute Lösung zu suchen und zu finden.
Zur Abwechslung beschäftigte ich mich darum einmal nicht nur mit Arztterminen, sondern tatsächlich mit der Frage: „Wo bekomme ich umfassende Beratung, für einen, für mich passenden Rollstuhl?“
Ich hatte nie geahnt, dass das ein riesiger STRESSFAKTOR sein würde. (Früher hatte mir eine Freundin oft davon berichtet, was sie für diverse Probleme mit dem Rollstuhl hatte und da habe ich oft gedacht, sie übertreibt.)
Erst jetzt, seit ich selber damit so intensiv konfrontiert wurde, weiß ich, dass sie überhaupt nicht übertrieben hatte, sondern es war dann tatsächlich, wie ein Lotto-Gewinn, als ich, nach vielen falschen Informationen, professionelle Hilfe bekam.
Denn ich wollte unbedingt lernen, wieder in den Park und in den Wald fahren zu können, da ich, seit zwei Jahren, alleine nicht mehr rauskam, sondern nur, wenn mich jemand begleitete.
Begleitung geht aber auch nur dann, wenn wir vorher gemeinsam geübt haben und ich mich darauf verlassen konnte, dass der Schieber meine klaren Ansagen auch wirklich befolgte und mir in Ruhe half.
Jeder Begleiter sollte tatsächlich einen ROLLSTUHL-FÜHRERSCHEIN (wie ihn z. B. das ROTE KREUZ anbietet) gemacht haben, um zu lernen, auf was er beim Schieben achten müsse. Denn auch dass war ein neues Thema, von dem ich bisher nichts gewusst hatte.
Weitere Verschlechterungen waren dann zusätzlich auch diverse Arztbesuche, denn das behindertengerechte Hineinkommen in die jeweilige Praxis ist ebenfalls eine Herausforderung.
Dafür ist
1. eine umfassende Vorbereitung notwendig. Ich selbst oder ein Helfer googeln im Netz, wie die jeweilige Praxis zu erreichen ist.
2. Kann das Taxi direkt vor die Tür fahren? (Denn bereits eine Stufe, ist ein unüberwindbares Hindernis.)
3. Gibt es einen Fahrstuhl?
4. Wichtig: Bereits bei der Terminvergabe darauf achten, ob die Praxis tatsächlich behindertengerecht ist. Und ob am Tag des Praxisbesuches der Fahrstuhl funktioniert. (Ja, ich habe schon einmal im Regen
vor der Haustür gestanden und dort hing ein Schild: „Heute ist der Fahrstuhl defekt. Benutzen sie die Treppe.“ Nee, geht aber für mich nicht. Ein Anruf wäre hilfreich gewesen…
Das hört sich jetzt sicher für den unerfahrenen Praxisbesucher an, dass ich nörglerisch und fordernd bin. JA, ABER es sind alles sinnvolle Überlegungen, die ein Geher sich nicht machen muss.
Diverse Komplikationen
erlebte ich aktuell beim letzten Arztbesuch:
1. einzelne hohe Stufe am Eingang, ohne Haltegriffe.
2. Eine Rampe war zwar vorhanden, aber so ist so extrem steil, das wäre für einen älteren Schieber nicht machbar.
3. Mehrere Schwellen in der Praxis. Diese sind nur rückwärts zu überwinden, alleine im engen Raum nicht zu bewältigen.
4. Es gab eine (zu enge) Tür zum Untersuchungsraum. Ich kam mit dem Rollstuhl nicht hinein.
Trotz Hilfe zum Aufstehen, war es für mich nicht zu schaffen.
5. Im Arztzimmer, umsteigen in einen DREHSTUHL, das war mit starker Angst verbunden.
Insgesamt kein Verständnis, sprich keine Geduld, von Seiten der Ärztin, für meine spezielle Lebenssituation.
Durch den Stress insgesamt, konnte ich mich am Ende nur schnell verabschieden, ohne anzusagen, warum ich ich nicht mehr kommen würde.
Eine befreundete Rollstuhlfahrerin, machte mir den Vorschlag: „Bevor du weiter unnötig in Stress gerätst, versuche doch
Herauszufinden, ob es in deiner Umgebung ein Ärztehaus gibt, mit mehreren FACHARZTPRAXEN, in denen du dann vermutlich mit einigen der Themen nicht zu kämpfen hättest.
Ich nahm jetzt diese Erfahrungen zum Anlass, herauszufinden: „Wann ist eine Arztpraxis barrierefrei?“
(Siehe http://www.bundesfachstelle-barrierefreiheit.de)
Für das veränderte Leben im
Rollstuhl, gibt es viele gute Links, die mir geholfen hätten, wenn ich bereits damals alleine oder mit Hilfen gegoogelt hätte. Darum hier einige hilfreiche Links zu den Themen:
ROLLSTUHLFÜHRERSCHEIN:
Kurse des Mobilitätscentrums der DRK
Rollstuhltraining für die Begleitung von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen
LITERATUR:
„Leben im Rollstuhl, SELBSTEXPERIMENT für Senioren, Erfahrungsberichte und Ratgeber“
Christian Wagner, „Rollstuhl für Anfänger, vom Hinsetzen Weiterleben und Neuorientieren“, Taschenbuch
Ein sehr spezielles Thema,, das mir schon oft viel Freude gemacht hat, ist die Suche nach Cartoons. Besonders, der selbst betroffene Zeichner, Phil Hubbe, schafft es bei mir immer wieder, mich zum Lachen zu bringen, ein gutes Gegenmittel gegen den anhaltenden Stress bei diesem Thema.
Heute weiß ich, ich hätte mir zahlreiche unnötige Umwege ersparen können, wenn ich mir schneller Hilfe geholt hätte. Ja aber ich brauchte die Zeit anscheinend für die Erkenntnis: Ich muss zunächst an der Akzeptanz der neuen Lebenswege arbeiten. Erst als ich dass verstanden hatte, konnte ich mir Hilfe suchen.
Ich verstehe jetzt den Satz, „jemand ist an den Rollstuhl gefesselt“ gar nicht mehr.
Und darum heißt mein Rolli heute: FREIHEIT,
(sprich im tschechischen) SWOBODA.
Ich bin insgesamt allen Helfern unendlich dankbar, dass diese mir geholfen haben, etwas gegen meine „Sturheit“, sprich Ohnmacht zu tun. Ich bin ebenfalls dankbar, dass ich durch diesen Erfolg auch endlich wieder zum Schreiben gekommen bin.
Zum Schluss schicke ich jetzt diesen Text als Dank sowohl an den Rollstuhl-Fachmann als auch an meine Alltagsbetreuerin, mit dem Schwerpunkt, Hilfe bei Arztbesuchen, die mich über viele Wochen und Monate, darin geduldig unterstützt haben, dass ich das Thema „Leben im Rollstuhl“, immer wieder mutig realisiert habe.