Altersdiskriminierung

Die Anforderungen, mich mit der NEUEN TECHNIK auseinander setzen zu müssen, lösten bei mir, mal wieder, Ohnmacht und Wut aus. Es sind dieselben Gefühle, wie ich sie aus der Kindheit erinnere, als ich, zum Beispiel durch einen Umzug mit den Eltern, drei Monate zu spät in die erste Klasse kam und vieles, was dort schon selbstverständlich war, überhaupt nicht verstand.

Und später als ich nach dreiwöchiger Krankheit, in die Oberschule-Klasse zurückkam und diese bereits mit dem Französisch-Unterricht angefangen hatten. Ich saß fassungslos auf meinem Stuhl und verstand überhaupt nicht, worum es ging. Ich wagte auch nicht, mich an die Lehrerin zu wenden, da ich diese bereits kannte und große Angst vor ihr hatte.

Und genausolche Gefühle, hatte ich jetzt, mit 81 Jahren.

Denn meine Lebensmittel wurden plötzlich von einer anderen Firma angeliefert. Zwar mit ausführlicher Beschreibung, 18 Seiten, wie das alles zu bewerkstelligen sei, aber der Text war versehen mit zahlreichen Begriffen, die ich nicht kannte, also nicht verstand. Ich versuchte zunächst alleine damit zurechtzukommen, denn Bestellungen bei Amazon und dergleichen, wuppe ich schon lange alleine.

Ich brauchte dafür zwei Vormittage am Schreibtisch. Als dann aber, nach erfolgreicher Bestellung, die Aufforderung kam, zu zahlen, gab es für mich den „Supergau“.

Denn „früher“ schrieb ich mit der Hand eine Überweisung, diese steckte ich in einen Umschlag und bat einen Besucher, ihn in den Briefkasten zu stecken. Ein unkompliziertes und mir seit Jahren vertrautes Verfahren.

Zur neuen Art der Bezahlung:

Jetzt schlug mir die Firma, verschiedene mögliche Zahlungsarten vor, entweder:

Kreditkarten (Mastercard, Visa, American Express) (habe ich nicht und will ich auch nicht.)

Sofortüberweisung durch Klarna (habe ich nicht),

Apple Pay und PayPal (habe ich nicht).

Aber ich habe eine EC Karte von der Postbank. Ich suchte und fand tatsächlich meine Code Nummer, mühsam, da ich sie seit Jahren nicht mehr benutzt hatte. Vorschlag vom Helfer: „Gehen sie doch damit, in die Apotheke und versuchen damit zu zahlen, dann wissen sie, ob das funktioniert.“ Hurra, es klappte.

Trotzdem machte ich die erste Bestellung, sicherheitshalber, noch mit der Hilfe vom „ambulanten Pflegedienst“, der neben mir saß. Eine Riesenerleichterung, als ich dieses „Abenteuer“ geschafft hatte. So konnte ich, nach diversen Umwegen, sprich neuen Lernschritten, endlich mir wieder den Kühlschrank füllen lassen.

Es bleibt eine riesige Wut, dass die fortschreitende Digitalisierung und Abhängigkeit, in fast jedem meiner Alltags-Anforderungen zunimmt.

Denn ich schaffe es auch nicht mehr, Konzert-oder Theaterkarten über Mail oder WhatsApp (habe ich nicht, will ich auch nicht) zu bestellen. Und somit verkleinert sich ständig mein Radius, um noch am Kulturleben teilzunehmen. Ich bin heute nicht nur körperlich behindert, sondern auch behindert mir stressfrei Karten zu bestellen.

Es kann aber nicht davon ausgegangen werden, dass jeder ältere oder behinderte Mensch einen Computer im Hause hat und damit umfassend umgehen kann.

FAZIT:

Der Altersforscher, Hans-Werner Wahl, betont, dass die digitale Wende zu einer umfassenden ALTERSDISKRIMINIERUNG führt. Denn nicht jeder hat dafür sowohl die finanziellen Mittel als auch die Helfer an seiner Seite.

Klar gibt es inzwischen zahlreiche Hilfsangebot, für den, der noch rausgehen kann. Aber nicht jeder ist im Alter noch beweglich und wißbegierig genug und offen für Neues.

Es fehlen grundsätzlich Ansprechpartner vor Ort oder wer hat zu Hause, Sohn, Tochter, Enkel…, die verfügbar sind?

Und da sich die zahlreichen neuen digitalen Anforderungen häufen, sei es bei

Terminvergaben bei Ärzten, Krankenkassen, im Reisebüro, Buchung einer Theaterkarte oder/und, diese sich die Bedingungen dafür auch noch oft verändern, bleibt man mit diesen Herausforderungen allein gelassen. Es kommt dadurch auch oft umfassend zur Verweigerung.

Mein Beispiel zeigt, ich kann zwar noch länger in der eigenen Wohnung bleiben, weil ich mir z. B. die Lebensmittel online liefern lassen kann, aber selbst dafür brauchte ich jetzt aktuelle Hilfe vor Ort.

Ich verstehe inzwischen, dass ältere Menschen allein deswegen in eine

Pflegeeinrichtung ziehen wollen, weil sie der Terminstress, mit Arztpraxen und deren unterschiedlichen Bestellsystemen, überfordern.

Dazu kommen zahlreiche Ängste, vor falschen Klicks und vor Betrügern.

Ergänzend noch ein eigenes Beispiel:

Früher bin ich jahrelang, um 7.00 Uhr ins Schwimmbad gegangen und das ging einfach so: Sachen einpacken, Geld einstecken und losgehen. Heute müsste ich mich erst Mal damit auseinandersetzen: Wie komme ich überhaupt in das Schwimmbad hinein? Was sind dafür die Voraussetzungen? Wenn ich mir das jetzt im Netz angucke (was ich inzwischen kann), kann ich nur sagen: Ich fühle mich schon allein davon überfordert, dass ich zu Hause am Rechner sitzen und versuchen müsste, dafür eine Karte zu buchen. Ich müsste, wie ich gelernt habe, oft erst einmal ein „Zeitfenster“ anklicken, wann ich hinein will (das gilt ebenso für Museumsbesuche…), müsste mich dann durch das Menü der Badeanstalt klicken, aber auch dafür würde ich Hilfe brauchen. Das Ergebnis, mir vergeht, bei diesen Themen mich noch draußen spontan zu bewegen, überhaupt die Lust, wenn ich daran denke, dass ich vielleicht mal wieder ins Schwimmbad, Museum… gehen möchte.

Zusammenfassend kann ich, wie die Verbraucherzentralen, sagen: „Heute ist bereits viel zu viel digital und zu wenig noch analog möglich.“

Trotz alledem, kann ich heute aber auch sagen, nachdem ich viel Zeit und

Geld in die NEUE TECHNIK gesteckt habe, dass es auch SPAß machen kann. Am besten, wenn man eine GEDULDIGE ERKLÄRERIN, IN DER NÄHE, hat.

Es bleibt das Motto: ÜBEN, ÜBEN , ÜBEN…

Ein Gedanke zu „Altersdiskriminierung

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