Warten, Eine Qual oder geschenkte Zeit?

„Alles nimmt ein gutes Ende, für den, der Warten kann.“

Leo Tolstoi, Romanautor, 1828-1910

Die Wartezeit ist vielfältig, aber oft vor allem nervig. In keiner Situation werden wir uns der Zeit so bewusst, wie im Moment des (quälenden) Wartens. Oft werden wir dabei ungeduldig und wütend. Wir warten täglich mehrfach auf etwas oder jemanden. Für die einen ist dieser Zustand unproduktiv, damit eine Qual, für andere ist es geschenkte Zeit, die sie sinnvoll nutzen können.

Wir kennen im Alltag erstaunlich viele Begriffe, die mit Warten zusammenhängen, wie: WARTEZIMMER (beim Arzt), WARTENUMMER (beim Amt), WARTEHALLE (am Flughafen), WARTEHÄUSCHEN (an der Bushaltestelle) oder neuerdings die WARTESCHLEIFE (am Telefon), aber vor allem ERWARTUNG.

Bei der Beschäftigung mit diesem Thema entdeckte ich, dass es erstaunlich viele Bücher zu diesem Thema gibt, wie: „Erkundungen eines ungeliebten Zustands“ oder „Die Kunst des Wartens“ oder „Warten, Die verlernte Kunst“…

Das bekannteste Werk zu diesem Thema ist: WARTEN AUF GODOT, von SAMUEL BECKETT. Es ist das Pionierstück des absurden Theaters. Er erhielt dafür 1969 den Nobelpreis der Literatur. Das Werk hat keine durchgehende Handlung, sein einziges Thema ist das Warten. Zwei Vagabunden warten auf Godot, der jedoch nie kommt. Ort und Zeit sind unbestimmt. Die Dialoge haben kein Ziel, es geht nicht um Kommunikation, man redet nur, um sich die Zeit zu verbreiten…

Dieser Buchtitel ist heute zum geflügelten Wort für die Banalität des modernen Lebens geworden. Das Thema hat mich jetzt angeregt, es wieder einmal zu lesen.

Das Thema: Warten auf jemanden, auf ein Ereignis, auf Weihnachten, war für mich als Kind unerträglich und schon immer eine Herausforderung, die ich nie ausgehalten habe. Heimlich, wenn meine Geschwister nicht da waren, meine Mutter einkaufen war, habe ich vor meinem Geburtstag und vor Weihnachten nach meinen Geschenken gesucht und sie auch immer gefunden. Als ich sie dann geschenkt bekam, war ich eine so gute Schauspielerin, das niemand es je merkte. Aber, es war immer eine besondere Form von Stress.

Heute, im Alter, ist es das (lange) WARTEN AUF EINEN ARZTTERMIN, AUF EIN TAXI, EINEN BESUCHER ODER EINEN HELFER FÜR ELEKTRONISCHE PROBLEME. AUCH DAS WARTEN AUF LINDERUNG DER SCHMERZEN, DURCH MEDIKAMENTE, ist immer mit Stress verbunden.

(Ein sehr spezielles Thema, dass ich mir von sehr alten Menschen habe berichten lassen, ist dass lange Warten auf den Tod. Es ist die größte Herausforderung im Leben, mit der vermutlich jeder anders umgehen wird.)

Zurück zum alltäglichen Warten auf einen Besucher. Das hat mich früher oft gelangweilt und ich war unzufrieden, wenn jemand nicht pünktlich kam. Damit gehe ich inzwischen sehr viel konstruktiver um. Entweder nutze ich die Warte-Zeit zum Schreiben oder mache meine Übungen. Von daher, bin ich entspannt, wenn der andere angekommen ist und habe gute Stimmung. Insgesamt fühle ich mich mit diesem Konzept auch deswegen besser, weil ich mit mir wohlwollender umgehe.

ODER ich nutze die Zeit, wenn ich warte und schaue auf meine lange Frage-Liste, die ich durch Google mir schon immer beantworten wollte.

ODER ich nutze die Zeit des Wartens, statt mich zu ärgern, und versuche fehlendes Wissen aufzuholen (denn die ersten Jahre, nach meinem Schlag-Anfall, sind oft im NEBEL verschwunden.)

ODER ich klicke YouTube an, suche dort kleine Videos, die mit Humor verbunden sind, zum Beispiel, kurze Kabarett-Szenen.

ODER ich suche ein Video über die Aufzucht von Meisen. da diese mich auf meinem Balkon besuchen und ich sie vom Fenster aus beobachten kann.

Alles verkürzt mir das Warten, hebt meine Stimmung und motiviert mich zum weiteren Anklicken.

Kurz zusammengefasst bedeutet das, jeder von uns wartet den ganzen Tag auf das ein oder andere Geschehen. Darum bleibt die offene Frage, wie ich mich dazu einstelle.

ERWARTUNGEN

„Wer selbst viel tut, von anderen wenig erwartet, der wird wenig Kummer haben.“

Konfuzius, Philosoph, 551-479 v. Chr.

ERWARTUNGEN AN ANDERE sind (unbewusste) Forderungen.

Es kommt zu anhaltenden Klagen, Unzufriedenheiten und Missverständnissen, die sich sowohl in (heimlicher) Wut, Depressionen oder Rückzug von anderen Menschen äußern können.

Bestimmte Verhaltensnormen sind z. B.: „Ich erwarte von meinem Sohn, dass er mich regelmäßig besucht.“ „Ich erwarte von meinen Freunden, dass sie für mich einkaufen…“ Tun sie es nicht, sind wir verärgert, wütend oder verwirrt. Damit führt der Kreislauf von Erwartung und Enttäuschung oft zu unrealistischen Phantasien.

ERWARTUNGEN AN MICH SELBST, können z.B. bedeuten: Ich spreche Wünsche und Konflikte nicht offen an, aus Angst damit zu scheitern und abgelehnt zu werden.

ÜBERHÖHTE ERWARTUNGEN AN VERSCHIEDENE INSTANZEN, wie z. B.: An die Politik, Krankenhäuser, Ämter und Religion, können zusätzlich zu anhaltendem Nörgeln und Unverständnis führen.

Zum Abschluss, als Gegengewicht, EIN HUMORVOLLES GEDICHT VON WILHELM BUSCH. (Von wann, weiß ich leider nicht.)

ER KANN WARTEN

Gott ja, was gibt es doch für Narren!

Ein Bauer schneidet sich ´nen Knarren,

vom trockenen Brot und kaut und kaut.

Dabei hat er hinauf geschaut

nach einer Wurst, die still und heiter

Im Rauche schwebt, dicht bei der Leiter.

Er denkt mit heimlichem Vergnügen:

Wenn ick man woll, ick könnt´ di kriegen!

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