Schweigen/Tabuthemen

„Es gibt ja leider Sachen und Geschichten,

Die reizend und bekannt,

Nur werden sie von Tanten und Nichten,

Niemals genannt.

Verehrter Freund, so sei denn nicht vermessen,

Sei zart und schweig auch du!

Bedenke. Man liebt den Käse wohl – indessen,

Man deckt ihn zu.

Wilhelm Busch (1832- 1938) Zeichner, Maler und Schriftsteller.

„Mein Vater weigert sich ins Heim zu gehen.“

„Meine Mutter will, dass sie zu mir ziehen kann, wenn sie alt und krank wird.“

„Meine Schwiegertochter müsste mir doch mittags das Essen machen und vorbeibringen, denn ich kann selber nicht mehr kochen…“

Über alle diese Themen wird in Familien oft geschwiegen. Es sind TABU-THEMEN. Darum hier zunächst ein kleiner theoretischer Kommentar zum Thema.

Ein Tabuthema ist es dann, wenn dies im Familien-und Freundes-Kreis, nur eingeschränkt oder gar nicht diskutiert wird. Viele wunde Punkte werden nicht berührt, da es für Alle sowohl um extrem belastende Themen, wie: Behinderungen, Demenz, Pflege, Alter, Abschied und Beerdigung als auch um Finanzen gehen wird.

Diese Themen bleiben oft jahrelang unausgesprochen, „ denn es ist doch noch viel zu früh, sich damit auseinanderzusetzen.“

SCHWEIGEN scheint der leichtere Weg zu sein. Der, der diese Konfliktthemen durchbricht, wird dann oft als Störer und Nörgler empfunden.

Um welche Tabuthemen es sich, beim Erkrankten bzw. seinem Umfeld handelt, wird ungeheuer vielschichtig sein. Dazu kommt das allmähliche ÄLTER-WERDEN, AUSZUG aus der gewohnten Umgebung, sich kümmern um behindertengerechtes und verkleinertes UMFELD…

Wer wünschte es sich nicht, solange wir irgend möglich zu Hause wohnen und damit selbstständig zu bleiben? Erst wenn es zu Dramen wie Stürze oder andere Probleme kommt und es so wie bisher absolut nicht mehr weitergeht, müssen oft hektisch Lösungen gesucht werden.

Besser wäre es gewesen, früh genug mit allen Beteiligten, eine offene Kommunikation zu führen, welche Veränderungen notwendig werden und wo man evtl. professionelle Unterstützung bekommt.

Das gilt für den Austausch mit dem Angehörigen ebenso wie für Eingeständnisse des Helfers sich selbst gegenüber. Denn jeder, der plötzlich mit einer Fülle von Themen konfrontiert wird, muss sich auch fragen, was kann und will ich leisten, neben der eigenen Arbeit, der eigenen Familie, den eigenen Kräften? Es wird vorübergehend (oder auch jahrelang bleibend) ein BALANCEAKT sein.

Es geht zu Anfang aber erst einmal um eine Erweiterung von Hilfsmaßnahmen, wie:

  • BEANTRAGUNG DES PFLEGEGRADES
  • NOTRUFKNOPF
  • EVTL. KURZZEITPFLEGE, für drei Wochen, gezahlt von der Krankenkasse
  • BESUCH EINER ALTENTAGESSTÄTTE, bevor evtl. ein UMZUG IN EINE PFLEGEEINRICHTUNG geplant werden muss.

Alles große und schwierige Themen, besonders dann, wenn darüber bisher nicht gesprochen werden durfte.

(Ein Buchtitel, der für mich viel von dem ausdrückt, was auf einen zukommt: „Alt sein ist anders“ von Marlis Pörtner.)

Darum empfehle ich hier an erster Stelle:

PFFLEGESTÜTZPUNKTE,

denn sie sind DIE Anlaufstellen für Pflegebedürftige und deren Angehörige, sie sind wohnortnah, unabhängig und kostenfrei. Sie beraten dort durch: Hausbesuche, Video oder Telefon, zu allen Fragen, rund um das Thema Pflege.

Sie veröffentlichen IM NETZ 44 INFORMATIONSBLÄTTER unter

https://www.pflegestuetzpunkteberlin.de/themenschwerpunkt/informationsblaetter-a-z/

Andere Organisationen für die vielen Fragen könnten aber auch sein:

  • Caritas
  • Diakonie
  • Wohlfahrtsverbände
  • Kirchliche Einrichtungen
  • ambulante Pflegedienste
  • Sozialdienste in Krankenhäusern
  • Alltagshelfer-Organisationen, wie: http://www.: CARESHIP.DE

(Über Stiftung Warentest jeweils zertifizierte Unterstützer heraussuchen.)

An dieser Stelle möchte ich ein anderes Thema benennen, das ich immer wieder beobachtet habe. Denn es bestehen zahlreiche Vorurteile, bei psychischen Problemen, professionelle Hilfe durch Psychotherapeuten zu suchen.

Siehe: https://hph-psychologie.de/ Die 7 größten Vorurteile gegen Pschychotherapie (und ob sie stimmen)

Und in diesem Blog unter: HILFEN, SUCHE NACH EINEM PSYCHOTHEARAPEUTEN

Ein weiteres Beispiel, welches noch immer nicht offen diskutiert wird, dass ist das Thema BEERDIGUNG. (Es ist aktuell zu beobachten, dass dies sich ganz allmählich verändert.)

Beerdigung planen?

„Der Tote ist im Bündel der Lebenden“.

Gefunden auf einem Grabstein eines Dorffriedhofes in Lüchow-Dannenberg.

Angeregt durch jahrelange schwere Abschiede, wurde mir bewusst, dass ich bereits jetzt selbst meinen Abschied vorbereiten wollte. Darum plante ich, mit Unterstützung einer Hilfe einen Besuch in einem Beerdigungsinstitut. Ich hatte mich schon vorher informiert, was es für verschiedene Möglichkeiten gibt, denn ich wollte dort die einfachste Beerdigung buchen und bereits bezahlen.

Der Grund für dieses Vorgehen? Ich wollte damit, da alleinlebend, dass nach meinem Tod, meinen Erben sowohl die Arbeit erleichtert würde als auch die Kosten für sie minimieren.

Ich konnte mich darum dort sehr schnell für eine Baumbestattung entscheiden, da eindeutig am preisgünstigsten, trotzdem immer noch insgesamt 4.000 Euro.

Ganz am Endes des Gespräches kam vom Bestatter die Forderung: „Jetzt benötige ich nur noch ihre Geburtsurkunde.“

Ich reichte ihm meinen Geburtsschein, von 1943, mit Hakenkreuz. Darauf er: „Nein, das ist ein Geburtsschein, aber keine Geburtsurkunde.“

Daraufhin bekamen wir Beiden einen langanhaltenden Lachanfall, was ihn zusehends erblassen ließ. Ich: „Ist das ihr Ernst? So Etwas habe ich bisher noch nie gebraucht. Braucht man wirklich zum Sterben eine Geburtsurkunde?“

Darauf er: „Ja, wie zum heiraten, dann haben sie wohl nicht geheiratet?“

Beide: „Nee“.

Er: „Sie müssen zum Standesamt ihrer Heimatgemeinde gehen.“

Ich: „Ich bin 1943 geboren, in dem Jahr wurde das Ruhrgebiet zerbombt. Da bin ich mal gespannt, ob das Standesamt mir meine Geburt bescheinigen kann.“

Er verabschiedete sich herzlich von uns, mit der Bitte:

„Könnten sie nicht Mal ab und zu hier vorbeikommen, um andere zu beraten? Ich erlebe es hier so oft, da stirbt z. B. der Mann, nach 60 Ehejahren und die Frau weiß nicht, welche Beerdigung er sich gewünscht hätte und welche sie sich heute für ihn wünscht. Da sind sie sooo vorbildlich, wie sie das gerade alles jetzt schon geplant haben und noch nie wurde hier so herzhaft gelacht.“

Das Standesamt konnte mir doch eine Geburtsurkunde ausstellen, für 20,— Euro.

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