Neubeginn

„Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von anderen. So wird dir viel Ärger erspart bleiben.“
Konfuzius, Philosoph, 551-479 v. Chr.
Die meisten Menschen, kommen Jahre nach dem Schlag-Anfall, noch einmal in eine Reha entweder auf Empfehlung von Ärzten, Pflegekräften oder Therapeuten. Bei mir war es meine eigene Entscheidung. Ich wollte hier nochmals in Ruhe sowohl Ermutigungen und Anregungen als auch neue Herausforderungen bekommen. Ich war zu diesem Zeitpunkt, sieben Jahre nach meinem Schlag-Anfall, körperlich und mental soweit stabil, dass ich mir mit Unterstützung von Profis neue Ziele für den häuslichen Bereich setzen wollte.
Ich wollte auch das Thema: Akzeptanz meiner Behinderung, noch bewusster in meinen Alltag integrieren.
Mir war im Vorhinein schon bewusst, dass in einer neurologischen Reha die verschiedensten Menschen aufeinandertreffen würden, aus unterschiedlichen Altersstufen, mit verschiedenen Sprachen, Kulturen, Religionen und Berufen.
Veränderungen, bedingt durch das Älter- und Kränker-Werden, ist hier für Alle dasselbe und das schwierigste Kapitel. Es sind immer Riesen-Herausforderungen sowohl für die Betroffenen selbst als auch für deren Angehörige.

Es bedarf viel Toleranz von allen Seiten, hier in der Reha dieses enge, tägliche Zusammenleben zu ertragen, denn es ist immer ein Kontrast-Programm zum bisherigen Alltag. Ich kam auch des Öfteren an meine Grenzen. Das lange Warten in den Fluren, auf den Beginn der Therapien, auf die täglichen Blutdruck- und Zucker-Messungen, führte bei den Patienten häufig zu aggressiven und schimpfenden Kommentaren.
„Besser-Wisser“ waren auch hier reichlich unterwegs, die zu „allem ungefragt ihren Senf“ abgaben.
Manche neigten auch zu Übersprungshandlungen, d.h. sie redeten permanent, stritten schnell und laut, besonders mit den Pflegekräften.
Manche waren depressiv, wirkten unfreundlich und waren nur schweigend.
Zum Glück beobachtete ich aber auch oft den typischen Berliner Humor. Dazu einige Beispiele im Fahrstuhl:
„Kommen se rin, können se rauskicken.“
Oder „Keine Hektik, se sind doch nich auf der Flucht.“
Oder „Kommen se rin, hier werden se nich überfallen.“
Wir kennen „draußen“ inzwischen alle das weit verbreitete Verhalten, dass jemand auf einen zukommt, aber einen nicht wahrnimmt, da er nur in sein Handy starrt und einen deswegen anrempelt. Hier beobachtete ich dagegen folgendes:
Da alle humpelnd oder schief gingen, sich auf einen Stock stützten oder sich, einen Rollator schiebend fortbewegten, gingen sie rücksichtsvoller miteinander um, denn hier jeder hatte körperliche Defizite.
Viele starrten aber auch im Flur auf ihren täglich wechselnden Behandlungsplan und waren damit für andere eine „Stolperfalle“. Die Aufgabe, in diesem großen Haus, die richtigen Therapie-Räume zu finden, löste bei fast allen einen Akt der
Hilfsbereitschaft aus oder führte oft auch zu Heiterkeitsausbrüche, wenn wieder einmal, jemand im falschen Raum landete.
Ich erlebte es hier in der Reha durch meine intensiven Beobachtungen als sehr beruhigend, dass ich bereits sämtliche dringend notwendigen Veränderungen, nach meinem Schlaganfall vor sieben Jahren, vorgenommen hatte.
Denn in dieser Phase gibt es sowohl für den Betroffenen als auch in seiner Familie und im Freundschaftskreis, VIELE TABUTHEMEN, darum viel Anspannung und Konfliktpotential.
Spätestens während dieser zweiten Reha, wird es notwendig, sich den vielen noch offenen Fragen zu stellen. Das macht auch deswegen Sinn, weil hier im Haus professionelle Sozial-Arbeiter beratend und unterstützend tätig sein können, wenn es gewünscht wird.
Denn jetzt stürzen viele Fragen auf den Patienten ein. Vor allem die finanziellen Aspekte sind oft nicht bekannt. Was steht mir zu? Welche Kosten übernimmt die Krankenkasse? Wie hoch ist meine Eigenbeteiligung?
Nun ist aber jede Geschichte, jede Situation, anders, so dass sie nur durch eine gute Einzel-Beratung und in Ruhe geklärt werden kann.

Darum hier eine (unvollständige) AUFLISTUNG DER UMFASSENDEN FRAGEN:
– Wie wollen Sie nach Ihrem Schlaganfall, Ihrer schweren Operation oder Ihrem Unfall leben? Können Sie weiterhin im Haus, in der eigenen Wohnung leben? Woher bekommen Sie Hilfe?
-Wie unterstützt Sie die PFLEGEVERSICHERUNG, wo gibt es in Ihrer Umgebung BERATUNGSSTELLEN? – Können Sie nach der Reha wieder zurück in Ihre Wohnung?
– Oder bietet Ihnen die Familie an, zu ihnen zu ziehen?
– (Da ich selbst von dem Thema „Pflege durch Angehörige“ nicht betroffen bin, vielleicht mag jemand seine Erfahrungen hier mitteilen?)
– Brauchen Sie jetzt dringend eine BEHINDERTENGERECHTE oder BARRIEREFREIE WOHNUNG, mit Fahrstuhl oder ohne Treppen, mit Handlauf auf beiden Seiten?
– Könnten Sie vorübergehend in einen KURZ-ZEIT-PFLEGEDIENST? (Die Kasse zahlt drei Wochen).
– Da weitere Komplikationen zu befürchten sind, sollten Sie evtl. einen PFLEGEGRAD beantragen oder falls bereits vorhanden, sich um einen höheren bemühen?
– Gibt es in Ihrer unmittelbaren Umgebung eine SENIOREN-TAGESSTÄTTE? Was kostet sie täglich? Für wen ist sie geeignet? Was wird dort angeboten?
– Sollten Sie sich evtl. um einen Platz in einem SENIORENHEIM MIT BETREUTEM WOHNEN kümmern?
– Für die Zeit nach der Reha: Besuche in einem von Ihnen selbst gesuchten PFLEGEHEIM verabreden?

– Vielleicht wollten Sie auch immer schon in eine WOHNGEMEINSCHAFT für ältere Menschen ziehen?
– Möchten Sie jetzt vielleicht noch eine ganz große Veränderung, um Ihren lebenslangen Wunschtraum zu realisieren und im Alter aufs Land zu ziehen?
– Inzwischen gibt es bereits KLEINSTPFLEGEHEIME auf dem Land. Ich war erstaunt zu erfahren, wie viele Internet-Adressen es dazu bereits gibt. Dazu hier eine kleine Auswahl: „Leben im Alter auf dem Bauernhof“; „Abenteuer statt Altersheim“; „Statt Stuhlkreis Stall“, „Pflege WG auf dem Bauernhof“.

Zu Hause hatte ich beschlossen, ich KÜMMERE mich hier, nach jahrzehntelanger Fürsorge für andere, NUR um MICH. Aber das fiel mir doch sehr schwer und ich wurde oft rückfällig. Sobald ich individuelle Schicksale hörte, bot ich auch schon ein Gespräch an. Z. B. war von einem Tischnachbarn, vor einer Woche, die Frau gestorben, während er hier in der Reha war. Ein anderer berichtete tieftraurig, da er gerade den vierten Schlaganfall gehabt hätte, müsse er jetzt endgültig ins Pflegeheim ziehen.
Ein Mit-Patient sorgte sich nicht um seine Gesundheit, sondern nur um sein Auto „und natürlich werde ich, sobald ich hier rauskomme, wieder Auto fahren.“
Gegenargumente, von anderen Patienten und Therapeuten, dass er das mental doch noch gar wieder leisten könne, wies er aggressiv zurück.

Ich traf für mich eine klare Entscheidung: Um mich mehr vor dem zu großen Mitpatienten-Stress zu schützen, bat ich darum, mein Frühstück im Zimmer einnehmen zu dürfen. Ich hatte gut vorgeplant, indem ich für mein Müsli sowohl Haferflocken, Nüsse als auch Blaubeeren und gesundes Öl dabei hatte, Besucher brachten mir Joghurt mit. Den Kaffee holte ich mir aus dem Automaten und im Gegensatz zum Speisesaal, war es echter Kaffee.
So begann mein Tag, vier Wochen lang, friedlich und entspannt.
Ich suchte in dieser Zeit bewusst keine neuen Freundschaften, blieb meistens freundlich distanziert, was für mich ein gutes Konzept war.
Die zahlreichen, oft wechselnden Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten waren für mich täglich eine enorme Herausforderung, da es das totale Kontrastprogramm zum Leben zu Hause war.
Positiv war in dieser Zeit für mich die ungewohnt verwöhnende Unterstützung. Ich setzte mich z. B. an den Tisch, ohne mein Essen planen zu müssen, das Zimmer wurde sauber gemacht, der Müll entsorgt und für mich wurden Arzt-Termine gemacht.
Neben zahlreichen, oft extrem anstrengenden Physiotherapie- und Ergotherapie-Übungen, gab es wöchentlich einen medizinischen Vortrag, ein Kulturprogramm und das Angebot eine freiwillige, wöchentliche Sitzung bei einer PSYCHO-THERAPEUTIN zu bekommen.
Um die Entscheidung, mich hier tatsächlich nur um mich zu kümmern, zu vertiefen, fragte ich nach, ob ich wöchentlich auch mehrere Gesprächstermine bekomme könne. Die 40 Jahre jüngere Kollegin war dazu sehr gerne bereit, weil sie zufällig in diese Zeit keine große Nachfrage hatte. So hatte ich tatsächlich in meiner Rehazeit drei Termine wöchentlich, was ich sehr gerne nutzte und mir gut weiterhalf. An anderer Stelle gehe ich auf die nach wie vor bestehenden Vorurteile gegen diese Art der Unterstützung ein.

Meine Themen waren in diesen Gesprächen:
– Abschied nehmen von meinem gesunden Ich.
– Akzeptanz der anhaltenden Behinderung.
– Ziele für meine Zukunft, kurze und lange entwickeln.
– Veränderungen der häuslichen Beziehungen reflektieren.
– Nochmals Trauer um meinen verstorbenen Mann zulassen.
– Erwartung an andere bewusster wahrnehmen…

Nach drei Wochen konnte ich im Flur wieder, ohne Stock, gehen.

Fazit für mich, nach vier Wochen: Die Reha war insgesamt kein totaler Neubeginn, aber die gute Erkenntnis, ich fühle mich weiterhin zu Hause am besten aufgehoben, da ich in der derzeitigen Einschätzung meiner Fähigkeiten realistischer geworden bin. Meine Motivation kontinuierlich an mir zu arbeiten, ist stabiler geworden. Und dann freute ich mich sehr, wieder nach Hause zu kommen. Dort war entscheidend, dass ich wieder autonom meinen Alltag selbst gestalten konnte, denn das ist für mich eine hohe Lebensqualität.
Die Voraussetzung für zu Hause, sind gute Therapeuten, die Hausbesuche machen, eine schöne Wohnung (mein sicherer Ort) und Freunde, die mich zu Hause besuchen und in meinem Fall, ein schöner Park. Ich weiß, dass dies alles nicht selbstverständlich ist und ich bin dafür sehr dankbar.
Zu Hause ging ich mit meinen Therapeuten noch einmal aufmerksam durch meine Wohnung, um eventuelle Stolperfallen, die mir bis dahin gar nicht genügend bewusst gewesen waren, abzuschaffen.
Denn meine, bis dahin fünf Stürze, in der Wohnung, waren entstanden sowohl durch Unaufmerksamkeit wie nicht weggewischte Wasserpfützen, stehen gelassene Tasche eines Helfers als auch durch eine nicht weggeräumte Klobürste…Kommen dann noch Ungeduld, Hektik und Zeitdruck hinzu, führt dies bei mir leicht zu Stürzen. Darum heißt es tägliche Übungen machen als STURZPROPHYLAXE.

Mir ist in der letzten Zeit bewusst geworden, dass ich das Thema VERWÖHNUNG aus meinem Alltag völlig herausgenommen hatte, aber immer wieder fantasierte, dass mich ein anderer Mensch verwöhnt. Was würde ich mir wünschen? Wie sollte diese Verwöhnung aussehen? Darauf gekommen bin ich, weil ich, mal wieder, mit meinem Physiotherapeuten, ausführlich geredet hatte. Mir war zu wenig bewusst gewesen, dass ich noch viele Ängste hatte, wieder in der Wohnung zu stürzen. Er stellte mir dabei völlig überraschend die Frage, „was wünscht du dir von mir? Wie könnte ich dich verwöhnen?“
Meine spontane Antwort: „Quiche“ (französischer Gemüse-Kuchen). Er kam beim nächsten Mal mit einer Quiche. Statt mit mir Übungen zu machen, überreichte er sie mir mit einer liebevollen Umarmung. Das war für mich ein wunderbares Konzept, das ist sicher noch ausbaufähig. Seitdem stelle ich mir dazu erneut viele Fragen:
Wann, wie und wer verwöhnt mich?
Wie verwöhne ich mich selber ?
Wie verwöhne ich andere?
Mir wurde bewusst, dass einerseits die Besuche der Freunde in meiner Wohnung (da ich nicht mehr ins Restaurant gehen will, wegen der zunehmenden Schwerhörigkeit und dem dortigen für mich falschen Essen), andererseits mein nett gedeckter Tisch zu Hause, mit Gemüsegerichten, vegetarischen Brotaufstrichen und gesundem Nachtisch, eine gelungene Form von Verwöhnung ist.
Durch eine jahrelange Krankheit, besteht immer die Gefahr, dass einerseits der Kranke an andere zu hohe Erwartungen hat. Und andererseits will der andere manchmal auch zu viel abnehmen. Das ist zwar nett gemeint, führt aber evtl. eher zur Passivität des Kranken?

Ich denke heute, dass ich auch deswegen so weit gekommen bin, weil ich selbst an mich Forderung gestellt und selbst für mein Vorwärtskommen Verantwortung übernommen habe.
Ich weiß heute, dass ich als Patientin insgesamt GEFORDERT UND GEFÖRDERT werden möchte. Ich muss aber auch Neues ausprobieren dürfen und neugierig sein können. Das ist nur möglich, wenn ich mich ernst genommen fühle. Ich habe bei mir beobachtet, dass ich eher dann zur weiteren Mitarbeit bereit bin (weil ich mich sonst verweigere), wenn der andere mir mit Humor begegnet.

5 Gedanken zu „Neubeginn

  1. Liebe Monika,

    ich heiße Brigitte und ich singe auch im Liederkreis. Ich glaube, wir haben nie miteinander gesprochen, aber ich kann mich gut an dich erinnern.

    Hans hat mich auf deinen Blog aufmerksam gemacht. Das Buch von Wilhelm Schmid „Selbstfreundschaft“ werde ich sicher mal lesen. Danke für die Empfehlung.

    Beim heutigen Blogeintrag ist mir das Thema Akzeptanz aufgefallen. Kennst du Eckhard Tolle ? Er hat sich in seinem Buch „Jetzt“ sehr viel damit beschäftigt. Ich beschäftige mich seit ein paar Jahren mit Eckhard Tolle und habe das Gefühl, das man seine Bücher nie wirklich auslesen kann. Auch auf YouTube gibt es viele Videos von ihm.

    Alles Gute für dich und liebe Grüße Brigitte

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  2. Liebe Monika, deine Selbsterfahrungen, die du Neubeginn genannt hast und denen deine jahrelange Rehabilitation vorausging und Selbstbeobachtung und Selbstprüfung, – hat immer wieder zu deiner Entscheidung geführt in deiner Behinderung das Bestmögliche an Leben herauszuholen. Danke, dass du mich als auch Betroffene daran teilnehmen lässt. Wie schön, wenn wir uns gegenseitig unterstützen und stärken können. Denn es kostete viel Mut und Kraft, bei täglichen Widrigkeiten nicht den Mut zu verlieren. Aufgeben wäre manchmal „viel einfacher“. Was du „Neubeginn“ genannt hast, hab ich in meinem Gedicht von 2016 „Bewältigung“ genannt. Ich schreibe es für dich – und andere vom Schlaganfall-Betroffene mit herzlichem Gruß noch einmal auf:

    Bewältigung

    nicht mehr Angst haben
    vor dem Nichtverstandenwerden
    vor der Abhängigkeit
    vor den Abbrüchen

    nicht mehr Angst haben
    vor dem Andersmachen der Helfer

    nicht mehr Angst haben
    vor der Angst

    Tapferkeit des Herzns
    leben

    Gabriele Weiß
    November 2016

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  3. Eins meiner Lieblingsgedichte, was für mich Neubeginn ausdrückt:

    Hilde Domin:

    Nicht müde werden
    sondern dem Wunder
    leise wie einem Vogel
    die Hand hinhalten.

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