„Wer den Alltag meistert, ist ein Held.“
Fjodor Dostojewski, Schriftsteller, 1821-1881
MEIN TÄGLICHES RITUAL
Wenn ich wach werde und die Sonne scheint, habe ich, vermutlich Sie auch, gleich eine bessere Stimmung. Einige Streckübungen im Bett, obwohl ich sie nicht gerne mag, sind dann bereits meine erste Herausforderung.
Wenn ich aufstehen will, aber die Haus-Schuhe nicht an der richtigen Stelle stehen, obwohl ich mit mir ‚verabredet’ hatte, wo sie stehen sollten, bekomme ich die erste kleine Wut.
Danach mühsames, humpelndes Gehen ins Bad, ohne Stock. Da dieser, mal wieder, nicht am Bett steht, ist das sofort mit Angst verbunden. Erste Ermahnung an mich: ‚Mach es langsam, sonst stürzt du wieder.‘ Was mir bereits sechs Mal geschehen ist.
Dieses einfühlsame und humorvolle Gedicht, schickte mir ein lieber, guter Bekannter, aus Frankreich, als Ergänzung zu meinem Kapitel über das Thema: BESTANDSAUFNAHME. Und da ich es so wunderbar fand, bat ich ihn um die Erlaubnis, es hier in diesem Blog abzudrucken. Ich freue mich immer weiter daran, dass er dem gerne zugestimmt hat.
„Wenn ich Alter
Morgens aus dem Bette steig,
Erhebe ich mich so langsam
Wie ein Hefeteig.
Mit Mühe suche ich meine Schlappen
Auf dem Teppich zu ertappen
Schlürfe dann ins Badezimmer
Und beginne so wie immer
Das Surfen auf der Tageswelle
So gut ich kann und auf der Stelle.
Ein Hemd sich über‘n Kopf zu ziehen
Gelingt noch ungefähr.
Doch dann die flücht’gen Arme
Durch den Ärmelkanal zu bringen
Fällt etwas schwer.
Nur wenn’s ans Zuknöpfen geht,
Und das Knopfloch
Dem Knopf den Zugang verwehrt,
Wird die Lage mehr und mehr erschwert.
Es kommt zu heftigen Versuchen
Den Knopf
Ohne zu fluchen Ins Loch zu kriegen.
Wenn das mit Mühe nun geschafft,
Bedarf es abermals viel Kraft,
Um die Hose in die Lüfte
Hochzuziehen bis zur Hüfte.
So ist das Altern nicht nur problematisch
Sondern noch dazu
Im hohem Maße akrobatisch.
Bis am Abend
Der geplagte Alte,
Nach viel Ach und Weh,
Sich sich fallen lässt
Auf sein ausgebeultes Kanapee
Und in den Schlaf entflieht,
Wo keiner mehr
Ihn sieht.“
Björn Fühler, April 2022, 87 Jahre, Maler und Puppenspieler
In seinem langen, beiliegenden Brief schrieb er u.a.: „Ich stelle mir dieselben Fragen wie Sie und ich komme zu dem Schluss, dass man nur durch innere, geistige Haltung den Mut aufrecht halten kann. Sei es durch Meditation oder wie Sie auch beschreiben, durch Übungen und Austausch mit anderen, so dass die Leiden des Körpers nicht die Oberhand gewinnen.“
Zurück zu meinem Text: Erste wichtige Aktivität: Blutdruck messen, nicht täglich, aber regelmäßig.
Anschließend Kaffee kochen, nach immer dem gleichen Ritual. Dabei empfinde ich das erste Mal kurze Freude.
Das anschließende, alleinige Duschen ist dagegen immer noch begleitet von Angst vor einem Sturz (durch Mobilisierung meines Traumas.)
Anziehen ist dann der nächste STOLPERSTEIN, da z. B. das Unterhemd, oft auf der linken Seite ist. Schon wieder ein Grund zum ärgern, weil ich es abends nicht richtig herumgedreht habe. Hier liegt bei mir noch eine deutliche Wahrnehmungsstörung vor, wie es richtig sein müsste.
(An dieser Stelle, ein Geheimnis, nur für Frauen: Den Schlupf-BH, kann man mit Hilfe eines großen Schuhlöffels problemlos hinten herunterziehen, aber die anderen BH’s, die, mit dem Haken hinten, entsorgen oder ganz auf den BH verzichten!?)
Einen Pullover anzuziehen, ist auch nur nach mehreren Versuchen machbar, da das Schild oft noch vorne ist.
Jetzt sind mehrere Entscheidungen notwendig: ‚Was ziehe ich heute an?‘ Abends alles hinzulegen, greift deshalb nicht, da das Wetter zur Kleidung passen muss.
Hier nehme ich schmerzlich meine Ungeduld wahr, da das Anziehen insgesamt, ganz anders als früher, soooo lange dauert. Ergebnis: Unzufriedenheit.
Mein Frühstück, wichtig für die Reduzierung der Arthrose-Schmerzen, besteht derzeit aus: Blaubeeren, Leinsamen, Mandelmilch, Quark und gutem Öl. Dieses Müsli stelle ich in die Mikrowelle, da gewärmt, das meinem kranken Darm besser tut.
Zum zweiten Mal dann Freude, wenn keine neuen Probleme auftauchen.
Von 9.00 – 11.00, zwei Mal die Woche, habe ich Hilfe durch einen Pflegehelfer, sprich Alltagsbetreuer. Das wird finanziert durch die Pflegeversicherung, da ich vor, allem wegen der Einhändigkeit, Pflegegrad 2 habe.
Meine Aufgabe, bevor er kommt, Zettel erstellen, für die heute notwendige Hilfe, wie z. B.: Bett-Beziehen, Saugen, Wischen, Bügeln, Gemüse schneiden, Einkaufen, Begleitung zum Arzt
und/oder Büroarbeiten. Hilfe brauche ich bei den Dingen, die ich als Einhändige nicht allein bewältigen kann.
Während er die Wohnung putzt, sitze ich auf dem Stand-Fahrrad, da ich dann ausdauernder fahre, derzeitiger Stand ca. 30 Minuten.
Anschließend überwiegt die Freude an meinem kleinen Fitness-Programm, dem geschnittenen Gemüse und der sauberen Wohnung…
Diese notwendige VERWÖHNUNG, ist aber auch immer noch gepaart mit dem unguten Gefühl der Abhängigkeit. (Für Jemanden wie mich, der im Erwachsenen-Leben immer autonom war, oft schwer zu akzeptieren.)
Wenn der Haushalt fertig ist, gehe ich entweder hinaus in den Park oder schreibe.
Dann tägliches Kochen, mit jeweils frischem oder tiefgekühltem Gemüse. Plus entweder Hirse, Kartoffeln oder Amaranth…
Weil ich danach erschöpft bin, lege ich mich immer hin und schlafe sofort ein, ca. 15 Minuten. Danach bin ich wieder klar im Kopf und fühle mich insgesamt kräftiger.
Ich bleibe oft noch lange liegen und lese entspannt und zutiefst zufrieden, bis hin zu Glücksgefühlen, dass ich mir diese Auszeit leisten kann.
Ich freue mich daran, dass ich heute, nur noch für mich verantwortlich bin. Das bedeutet, dass ich keine Anforderungen durch zwei Berufe mehr habe, keine Begleitung eines schwerstkranken Mannes, keine monatlichen Reisen zu den alten Eltern, 500 km entfernt.
Der Nachmittag verläuft ähnlich, manchmal unterbrochen von einem lieben Besuch.
Den Abend verbringe ich mit Lesen, evtl. Fernsehen wie: Talk-Shows, Reiseberichten aus meiner Umgebung oder Tierdokumentationen, Telefonieren oder Mailen.
Richtig zur Ruhe komme ich nach wie vor durch LESEN (das war in meinem Leben immer schon MEIN Erholungsmittel). Was würde ich nur machen, wenn ich diese Sucht nicht mehr stillen könnte? Ich lese heute nur E-BOOKS (es ist eine geniale Technik.) Diese kann ich, im Unterschied zu Büchern, problemlos halten. Themen sind bei mir: Biografien, Familien-Geschichten und Berichte über spezielle Lebensformen. Politische Texte zu lesen und zu verstehen, fällt mir seit meinem Schlaganfall dagegen zunehmend schwerer, was sowohl mit schlechter Konzentration als auch heute mit fehlendem Wissen und Interesse verbunden ist.
Jede Lese-Auswahl wird heute ausschließlich bestimmt von meiner Lust und Laune, aber es sind heute keine HAUSAUFGABEN mehr. Ich kann mir immer erlauben, sofort abzubrechen, wenn der Text mich langweilt, mir Angst macht oder mich zu sehr aufregt. Damit verbunden ist für mich ein wunderbares Gefühl von Freiheit.
Klar, fehlt mir im Alltag (zu) oft der direkte, kontinuierliche Austausch. Es ist Fakt, das Allein-Leben ist und bleibt eine große zusätzliche Herausforderung und da stolpere ich Hin und Wieder auch in die EINSAMKEITS-FALLE.
Aber vielleicht ist es mir gelungen, die trotzdem vorhandenen positiven Aspekte zu benennen?
Nochmal zurück in meinem ganz NORMALEN Alltag. Ich kann zwar wieder meinen Müll sortieren, scheitere dann aber oft noch daran, mit einer Hand dem Mülleimer eine neue Mülltüte überzuziehen.
Ich fahre, mit Hilfe meines Rollators, den Müll zwar zum Container, kann dort aber oft den schweren Mülldeckel nicht hochdrücken. Stelle darum die Mülltüte manchmal daneben, in der Hoffnung, dass ein netter Nachbar sie entsorgt. Ich musste aber auch erleben, dass ein Pförtner wütend hinter mir her rief: „Das geht aber gar nicht, wenn das jeder so machen würde?“ Erst als ich ihm ruhig mein Dilemma erklärte, verstand er mein Handeln. Noch Wochen danach kam er, wenn er mich sah, strahlend an, um mir zu helfen. Schade, er hatte bald danach hier aufgehört zu arbeiten.
Ich kann jetzt, trotz der Einarmigkeit, die Spülmaschine ein- und ausräumen, (Scherben hat es dabei auch schon reichlich gegeben). Dass dies länger dauert, habe ich inzwischen akzeptiert, scheiterte aber zum Beispiel an den Tabs. Diese aus der Verpackung zu lösen, ist für Einarmige eine riesige Herausforderung. Neulich stellte ich bei der Lebensmittelbestellung erfreut fest, dass es inzwischen Tabs gibt, die eine Verpackung haben, die sich in der Maschine auflöst.
Über die Probleme vieler Verpackungen, die ich nur schwer alleine öffnen kann, könnte ich inzwischen viele frustrierende Geschichten schreiben. Es nützt natürlich nichts, sich immer wieder neu darüber aufzuregen. Diese Dramen kennt z. B. auch jeder Rheuma- und Arthrose-Patient, der durch seine Krankheit an den Händen so behindert ist, dass er weder Flaschen- noch Marmeladengläser öffnen kann.
DAZU MEINE BISHER SCHLIMMSTE ERFAHRUNG
Einmal war ich durch das Öffnen eines Paketes so gestresst, dass ich in meiner Not meine Zähne zu Hilfe nahm. Meinen fatalen Fehler merkte ich sofort, als es in der Zahnprothese bedenklich knackte. Da war es aber schon zu spät. Ja, die Brücke war gebrochen. Der Gang zum Zahnarzt endete mit der Botschaft: „Sie müssen die Brücke hierlassen, können sie aber in zwei Tagen wieder abholen.“ Das bedeutete, nicht aus dem Haus gehen und püriertes Gemüse mit dem Strohhalm schlürfen.
Dieses Drama konnte ich damals nicht mit Humor nehmen, aber meine SELBST-ERZIEHUNG ergab, nie wieder meine Zähne als Hilfsmittel einzusetzen, sondern was? Ja, mich wieder einmal NUR gedulden, bis Hilfe kommt. Denn es ist doch unwichtig, wann ich ein Paket geöffnet bekomme oder?
Meine Beobachtung ist, dass Menschen, die (noch) kein körperliches Defizit haben, sich nur schwer, bis gar nicht, einfühlen können. Stattdessen musste ich mir schon oft das UNWORT anhören: „Da musst du EINFACH nur Geduld haben.“
Liebe Frau Hoffmann,
ich wünsche Ihnen Alles Gute zu Ihrem heutigen 80. Geburtstag!
Genießen Sie trotz aller Widrigkeiten weiterhin das Leben!
Vielleicht können wir ein wenig dazu beitragen.
Haben Sie – falls in Ihrem Bad machbar – schon einmal über Haltegriffe in der Dusche, einen Duschsitz, Duschhocker oder Duschrollstuhl nachgedacht, um Ihre Sturzangst und das entsprechende Risiko zu minimieren oder sogar auszuschließen?
Herzliche Grüße
F. B.
LikeLike