Jeder, der einen Schlag-Anfall erlitten hat, wird andere, aber vielleicht auch ähnliche Erfahrungen gemacht haben?
Ich habe die Vor-Boten meines Schlag-Anfalls nicht früh genug erkannt. Ich hatte weder Wissen über diese Krankheit noch Interesse, denn: „Ich war doch gesund“ (dachte ich bis dahin).
Heute weiß ich, dass ich durch eine kurz vorhergehende, schwere Darmoperation erhöhten Blutdruck entwickelt haben muss, aber dieser wurde nicht erkannt und darum nicht medikamentös eingestellt.
Ich hatte zwei Tage vor dem Drama das erste Mal heftiges Nasenbluten, einen Tag danach stürzte ich und stolperte drei Mal. Ein Freund stützte mich, so dass ich nicht hinfiel.
Am folgenden Morgen rutschte ich vor meiner Haustüre aus und stürzte. Das habe ich zwar noch wahrgenommen, an den Transport ins Krankenhaus, habe ich aber keine Erinnerungen, da ich erst dort wieder (teilweise) erwachte.
Dass ich in einer STROKE-KLINIK war, wegen eines Schlag-Anfalls, wusste ich zunächst nicht. Dass mein Bruder und Freunde sorgenvoll an meinem Bett standen, realisierte ich nur wie durch eine undurchdringliche Nebelschicht.
Wie man mir später erzählte, wurden tagelang viele Untersuchungen gemacht, an die ich mich aber nicht erinnere.
Dass ich linksseitig gelähmt war, auf der linken Seite nichts wahrnahm und einen schiefen Mund hatte, verstand ich nicht.
Ich konnte zwar sprechen, schlucken und denken. Im Dämmerzustand hatte ich Todesängste und Panikzustände. Nächtliche Albträume waren extrem. Es waren Themen wie: Gewalt, Überfälle, Soldaten und Krieg. Ich versuchte wegzulaufen, was mir nie gelang. Alles war Horror.
Ich wurde (wortlos) gewickelt und gewaschen und hatte extremen Durchfall und Juckreiz.
(Wie ich heute weiß, aufgrund allergischer Reaktionen durch Schmerzmedikamente.)
Meine Fragen, wurden mir nicht beantwortet oder ich verstand die Diagnose nicht.
14 Tage später, in der Reha-Klinik begann ich mein DRAMA allmählich einzuordnen. Ich hatte:
- eine HEMIPARESE (Halbseitenlähmung) der linken Körperseite,
- eine SOMNOLENZ (Benommenheit) und
- einen NEGLECT (Aufmerksamkeitsstörung)
Was das bedeutete und welchen weiten Weg ich noch vor mir haben würde, realisierte ich aber monatelang nicht.
Viele Aufforderungen etwas zu tun oder am Computer anzuklicken, verstand ich zunächst gar nicht. Ich konnte weder lesen, eine Uhr malen noch Bausteine nach Farben sortieren.
Ich konnte weder alleine sitzen, stehen noch gehen. Mein linker Arm hing kraftlos herab, ich konnte ihn nicht anheben, die Finger waren im schmerzenden Krampf.
Der Umgang der Pflegekräfte war einerseits freundlich und liebevoll, andererseits hektisch, ungeduldig, kommandierend und ohne Erklärungen. Auf meine Fragen bekam ich oft die stereotype Antwort: „Dafür bin ich nicht zuständig“ oder: „Ich kann jetzt nicht, aber ich kümmere mich drum“. Ergebnis: stundenlanges Warten, ohne Antworten.
Das gesamte Ausmaß meiner Ausfälle begann ich erst zu ahnen, als ich versuchte zu lesen und zu schreiben. Kurze Texte wurden mir links mit einem gelben Stift markiert, da ich lange nicht verstand, warum ich beginnen musste, zuerst links hinzusehen.
Durch den gelähmten Arm konnte ich kein Buch halten, es fiel mir sofort herunter.
Darum besorgten mir Freunde ein TABLET VON APPLE und zum allgemeinen Erstaunen, konnte ich das relativ schnell verstehen und bedienen. Ich lernte dadurch vor allem wieder kurze Texte lesen und schreiben, da die Maschine nur von links nach rechts schreiben kann. Dadurch erlangte ich jetzt ein wenig Zufriedenheit, da diese beiden Tätigkeiten immer schon ein großer Teil meines Lebens gewesen waren.
Immer wieder drehten mir Freunde und Therapeuten bei den Übungen meinen Kopf nach links, um meine Wahrnehmung für die linke Seite zu schulen, was (heimliche) Wut bei mir auslöste.
Mir wurde jetzt (noch undeutlich) bewusst, dass auch deswegen meine Depression zunahm, da erst drei Monate vor meinem Schlag-Anfall mein Mann gestorben war und ich diese Tatsache noch gar nicht umfassend betrauert hatte.
Ich dachte zu der Zeit, ich sei geistig behindert, da ich Aufgaben oft weder mental verstehen noch feinmotorisch händeln konnte. Ich glaubte den Therapeuten nicht, dass dies eine vorübergehende Störung sei.
Ich konnte mich nur kurze Zeit konzentrieren. Geräusche und Bewegungen anderer Menschen direkt neben mir, bewirkten sofortige Unterbrechung meines Tuns.
In vier Monaten in der Reha hatte ich KEIN EINZELZIMMER, was ich als sehr belastend empfand, da die verschiedenen Bettnachbarinnen sowohl desorientiert als auch ständig schimpfend und aggressiv sowohl gegen mich als auch gegen die Pflegekräfte waren.
In den letzten zwei Monaten, war das nächtliche, laute Schnarchen der Bettnachbarin zusätzlich extrem belastend. Da ich selbst noch nicht aufstehen konnte, um sie auf die Seite zu drehen, die Pflegekräfte, verständlicherweise, nicht bereit waren, dies mehrmals in der Nacht für mich zu tun, habe ich darunter sehr gelitten.
Aufbauend und geduldig waren in dieser Zeit sowohl die Musiktherapeutin, der Psychologe als auch (fast alle) Physiotherapeuten. Da gab es für mich nur die große Überforderung, dass diese ständig wechselten.
Sehr kritisch erlebte ich den Ergotherapeuten. Er behandelte mich z. B. im Bett mit einer Armmassage, sprach aber währenddessen, von mir abgewandt, mit der Kollegin, die meine Bettnachbarin behandelte, mit ihr über ihr Privatleben, statt sich uns zuzuwenden.
Ich nahm diesen unprofessionellen Umgang zwar wahr, konnte damals aber weder mental nachfragen noch mich darüber empören.
(Diese Tatsache, sprich die völlig fehlende Auseinandersetzungsfähigkeit blieb mir auch zu Hause noch lange erhalten.)
Die ARZTGESPRÄCHE waren in dieser Phase ausschließlich frustrierend und nie aufklärend und beruhigend. Zum Beispiel musste ich mir einmal den schnellen Satz anhören: „Sie müssen mit einer Gehirn-Operation rechnen“ und bevor ich nachfragen konnte, machte er schon wieder die Tür von außen zu.
Ein gutes Therapieangebot war für mich, trotz der Behinderung wieder kochen zu lernen. Ich bekam dabei Hinweise über Geräte für Einarmige, denn mein Ziel war es, zu Hause wieder täglich für mich alleine zu kochen.

Ein gemeinsamer Besuch mit der Physiotherapeutin in meiner Wohnung, nach drei Monaten, leitete die Rückkehr nach Hause ein. Sie konnte mir durch ihre Erfahrungen konkrete Vorschläge machen, wie meine Wohnung behindertengerecht ergänzt werden könnte. Wir bauten die Küche aber nicht um, da ich mich inzwischen wieder alleine aus dem Rollstuhl zum Stehen hochdrücken konnte.
Alle Teppiche wurden entsorgt und im Bad wurden Haltegriffe angebracht, ein Dusch- und ein Toilettenstuhl gekauft. Die Toilette wurde durch einen erhöhten Sitz verändert. (Kostenübernahme, nach Antrag, durch die Krankenkasse.)
Für viele alleinlebende Menschen werden die Umbaumaßnahmen viel gravierender sein müssen. Hauptprobleme sind oft der fehlende Fahrstuhl, die Überwindung von Treppen und ein Handlauf im Treppenhaus, auf beiden Seiten.
Der evtl. Umzug war in der Reha DAS Angst-Thema unter uns Patienten, denn die wenigsten hatten vor ihrer Erkrankung bereits vorgesorgt.
In der Reha waren die liebevollen, treuen Besuche von Familie und Freunden, am Wochenende, das Wichtigste, um mich allmählich psychisch wieder zu stabilisieren.
Das WIEDER-ALLEIN-SEIN-KÖNNEN, empfand ich dann in den ersten Wochen zu Hause als eine hohe Lebensqualität. Das war natürlich nur dadurch machbar, weil ich inzwischen gelernt hatte mich alleine an-und auszuziehen. (Dazu besorgte eine Freundin mir Nachthemden, Hosen und Tshirts, jeweils zwei Nummern größer, um mir dadurch das Anziehen zu erleichtern.)
Zunächst bezahlte ich privat verschiedene Haushaltshilfen, die aber weder professionell noch sehr geduldig mit mir umgingen, d.h. ich fühlte mich nicht ausreichend gefördert und gefordert, heute würde ich sagen, sie waren keine Profis.
Das wurde für mich erst besser als 2017 der Pflegegrad gültig wurde. Ich bekam, da weiterhin der Arm linksseitig gelähmt ist, den PFLEGEGRAD 2. Aber auch hier gilt: Es bedarf professionell ausgebildeter Alltagsbetreuer, um GUT versorgt zu sein.
Zu mir kommt jetzt zwei Mal die Woche, für 2 Stunden, eine Hilfe, mit der evtl. Option auf einen dritten Termin. Die Alltags-Hilfe wird jetzt für mich über einen AMBULANTEN PFLEGEDIENST erfüllt. Dieser kommt regelmäßig und zuverlässig und immer zur gleichen Zeit. Grundsätzlich auch dann, wenn eine Vertretung notwendig ist.
Ein sehr gutes Konzept, das leider noch nicht generell üblich ist.