Das ganze Leben ist ein einziges Wiederanfangen

„DAS GANZE LEBEN IST EIN EINZIGES WIEDERANFANGEN“,

sagte der Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal, 1874-1929.

Nachdem ich in letzter Zeit zahlreiche aktuelle Bücher zum Alt-Werden und Alt-Sein gelesen hatte, beschäftigte ich mich jetzt, mit einem Schwerpunkt: Dem PERSPEKTIVEN-WECHSEL.

Es kann manchmal schon reichen, eine Situation von außen zu betrachten. Außenstehende Mitmenschen können z. B. helfen, eine Krisensituation objektiver zu analysieren und dadurch kann es zu einer Änderung meiner Ansichten kommen und vielleicht sogar auch zu einer Lösung?

Ich stelle mir oft die Frage: „Was muss ich selbst leisten, um mit meinem Altwerden zurecht zu kommen?“

Ich weiß, das wird bei jedem ein anderer Schwerpunkt sein. Ich finde dazu in der Psychologie entscheidende Antworten.

Gilt die provokante Behauptung des Psychologen PAUL WATZLAWIK : „Wer zu sich selbst finden will, muss andere nicht nach dem Weg fragen“, auch im Alter? Die aktuellen Forschungsergebnisse der Altersforscher sind bemerkenswert, wenn sie beobachten: „Dass Menschen, die eine positive Vorstellung vom eigenen Alter haben, länger leben, da sie neugierig und motiviert sind, Neues zu entdecken. Diese Menschen lassen ihr Alter nicht unbewusst verstreichen, sondern sie suchen für sich nach Lösungen und Möglichkeiten sie haben noch Wünsche und können sich freuen.

Der Alters-Forscher, KLAUS ROTHERMUND, stellt die Forderung auf: „Wir müssen das Alter radikal neu denken.“ Und an anderer Stelle: „Wir müssen umdenken und es als eigene Lebensphase betrachten, die genauso wichtig ist wie jede andere. Denn sie ist kein Wurmfortsatz, nach dem Berufsleben.“

Sie müsse genauso ernst genommen werden wie die Kindheit, die Jugend und das Berufsleben. Es könnte sogar eine Phase sein, in der der älter werdende Mensch, sein Leben autonom und kreativ neu gestalten kann, mehr als jemals vorher.

Darauf sollte sich Jede/Jeder aktiv vorbereiten.

(Siehe auch: KLAUS ROTHERMUND, ALTERN ALS ZUKUNFT, 2022.)

Weitere provokante Ideen zum Thema fand ich in dem Buch der beiden Autoren,

LUTZ KARNACHOW und PETRA THEES: „ALT, FIT, SELBSTBESTIMMT. WARUM WIR ALTER GANZ NEU DENKEN MÜSSEN“, 2025.

Beide sind sowohl im Pflege-als auch im Sozialbereich tätig. Sie sagen, das Alter ist eine Zumutung. Denn Alt-Sein bedeute u.a. Die auch: Schwäche, Krankheit und Verfall. Alte Menschen gelten oft als Last und als Erinnerungn für die Jüngeren, an die eigene Endlichkeit. Dem stellen sie ihr Konzept gegenüber:

Das Alter sei keine Krankheit, sondern eine gestaltbare Lebensphase.

Statt Menschen in passiver Versorgung zu halten (wie aktuell in Pflege-Einrichtungen), plädieren sie für ein Modell, das auf Aktivierung, Motivation und Selbstständigkeit setzt. Wer aktiv bleibe, seine Muskeln trainiere und das Gehirn fordere, könne viele Alterserscheinungen reduzieren oder sogar verhindern. Entscheidend sei die Kommunikation. Die Autoren fordern, statt von Defiziten auszugehen, brauche es eine Haltung auf Augenhöhe.

Sowohl Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen als auch pflegende Familien, müssen umdenken lernen, denn bei diesem Konzept sind sie nicht nur Versorger, sondern auch Motivatoren, Trainer und Zuhörer.

(Diese kurze Einführung hat vielleicht auch sie neugierig gemacht? Siehe darum: https://www.domino-coachingstiftung.de/ )

Treffe ich zufriedene, alte Menschen, sehe ich, dass sich ihre Bewertungsmaßstäbe verändert haben. Da freut sich z. B. der eine, dass sich Freunde, einmal im Monat (so wie es ihr Terminkalender zulässt), zum Besuch anmelden, der andere ist verbittert und schimpft, dass sie nicht öfter kommen. Das ist zwar dieselbe Situation, führt aber entweder zu Zufriedenheit oder zu Wut und Enttäuschung.

Eine Definition zum PERSPEKTIVENWECHSEL , ist u.a. die Fähigkeit, Missverständnisse und Veränderungen, bei mir selbst und anderen, wahrzunehmen. Je besser, ich versuche mich in den anderen hineinzuversetzen, umso lösungsorienter kann das Zusammenleben sein. In diesem Zusammenhang ist auch der Austausch über das Leben in der VERGANGENHEIT und die Gestaltung der GEGENWART elementar wichtig. Der Wechsel gelingt aber nicht, wenn ich jeden Vorschlag, etwas zu verändern, anhaltend BEJAMMERE:„NEIN, ich beharre darauf, Veränderungen sind nicht mehr möglich.“

Sinnvoller wäre die Haltung: „JA, ich bin nicht mehr so gesund wie noch vor zehn Jahren, aber ich kann noch täglich einfache Übungen machen, um beweglich zu bleiben.“

„Ja, ich musste mich schon von mehreren wichtigen Menschen verabschieden, aber ich habe Nachbarn neu kennengelernt, die freundlich und hilfsbereit sind.“

„Ja, früher konnte ich anderen helfen, heute muss ich mich bemühen, von anderen Hilfe anzunehmen.“

„Ja, früher hatte ich einen großen Freundeskreis, heute nehme ich wahr, dass auch die Freunde sich zunehmend sehr verändern.“

Abschließend zu diesem Thema, fallen mir einige Standard-Vorschläge ein, die ich selbst so gar nicht mag, da sie mit dem Satz beginnen: „DU MUSST…“. Diese habe ich oftmals als wenig hilfreich erlebt, sondern eher als uneinfühlsame Belehrung.

„Du musst keine Angst haben, zu vereinsamen, ich komme dich doch immer besuchen…“

„Du musst keine Angst haben, die Treppe herunterzugehen. Zwar ist deine Angst verständlich, nachdem du bereits neun Mal gestürzt bist und du nicht alleine aufstehen kannst, aber du hast einen Notrufknopf und bekommst dadurch schnelle Hilfe…“

„Du musst deinen Stress abbauen…“

„Du musst dich damit auseinandersetzen, dass du bald ausziehen musst…“

„Du musst mehr um Hilfe bitten …“

„Du musst aufhören, an dir herumzukritisieren…“

Viel emphatischer und damit konstruktiver, ist für mich die liebevolle Nachfrage: „Gab es heute für dich (trotz aller Probleme), einen Grund dich zu freuen?“

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