Vor einigen Jahrzehnten, habe ich schon einmal ein eigenes Märchen geschrieben. Ich fand es überraschenderweise wieder in meinen Unterlagen. Nach einigen kreativen Veränderungen machte es mir jetzt Freude, den Text hier in den Blog zu setzen.
„Es war einmal eine wundersame Geschichte und davon will ich euch heute berichten, wahr muss sie sein, sonst könnte man sie doch nicht erzählen. Sie hat sich so zugetragen. Berg und Tal begegnen sich nicht, wohl aber die Menschenkinder. Und so geschah es eines fernen Tages, dass ein Mann und eine Frau auf einer Wanderschaft zusammenkamen. Der Mann war immer guter Dinge, die Frau war eher trübsinnig, da sie als kleines Mädchen durch ein großes Unglück ihren Vater verloren hatte. Sie fanden Gefallen aneinander und beschlossen, gemeinsam durchs Leben zu wandern. Sie zogen von einer Stadt zur anderen, da sich der Mann bei verschiedenen Arbeiten verdingen musste. In jeder neuen Stadt gebar die Frau ihrem Mann ein Kind, vier an der Zahl.
Bald begann ein verheerender Krieg über das Land zu toben und sie hatten oft wenig zu beißen und zu brechen. Darum beackerten sie immer wieder neues Land und fanden auch neuen Unterschlupf.
Sie verloren nicht den Mut, da sie einander hatten.
Irgendwann sagten die Eltern zu ihren Kindern: „Wir sind jetzt alt geworden und wollen uns hinter den Ofen setzen. Zieht hinaus in die Welt und versucht euer Glück.“ Und sie setzten sich auf einem Berg zur Ruhe.
Nun gingen die Kinder ihrer Wege.
Der älteste Sohn zog fort, suchte sich eine Frau und bekam drei Kinder.
Der zweite Sohn zog ebenfalls weit fort und suchte sein Heil als Maler. Obwohl ihm das recht gut gelang und er ein Talent dazu hatte, war er stets unzufrieden und verlor oft seinen Mut. Eines Tages wurde er schwer krank und niemand glaubte, dass er mit dem Leben davon kommen würde. Er selbst hoffte, lange, lange, das Wasser des Lebens zu finden. Es war ihm aber nicht vergönnt und er starb.
Das dritte Kind, eine Tochter, wanderte zunächst rastlos in der Gegend umher, bis sie eines schönen Tages, in einem fernen Land, einen Mann traf, der ihr bestimmt war. Sie zog zu ihm und lebte glücklich und zufrieden.
Die jüngste Tochter, ein fröhliches und lachendes Mädchen, musste die Liebe der Eltern mit den anderen teilen und das war oft schwer. Jedoch erwarb sie sich dadurch Kraft, aber auch Lebensfreude.
Sie hatte als Kind drei Träume.
Sie wünschte sich, dass sie unsichtbar sein könnte…Dieser Wunsch erfüllte sich nie.
Der andere Wunsch war, dass eines Tages andere Eltern auftauchen würden, um sie mit auf ihr Schloss zu nehmen. Obwohl sie immer wieder prüfte, ob in ihren schwarzen Haaren nicht auch goldene verborgen waren, erfüllte sich auch dieser Wunsch nicht…
Dieses hütete sie als ihr Geheimnis.
Als sie acht Jahre alt war, hatte sie einen dritten Traum. Es träumte ihr, dass sie eines Tages einen Mann haben werde, der nichts mehr allein tun und der auch nicht mehr laufen könne. Diese Träume bewahrt sie lange in ihrem Herzen.
Nun wollte auch diese letzte Tochter hinausziehen und ihr Heil in der Fremde suchen. Die Mutter jedoch wollte dies nicht zulassen. Sie aber sprach: „Es ist vergeblich. Mir wird schon kein Unheil zustoßen. Meines Bleibens ist hier nicht länger.“
Und sie machte sich auf den Weg. Sie suchte ihren Bruder und fand ihn in einer Stadt, die von einer hohen, undurchdringlichen Mauer umgeben war und ließ sich auch dort nieder. Sie verdingte sich bei verschiedenen Arbeiten, die sie mal mehr, mal weniger erfreuten. Sie hatte damit ihr Fortkommen und dessen war sie auch zufrieden.
In dieser Stadt herrschte bald eine große Unruhe. Kinder erhoben sich gegen ihre Eltern und Frauen gegen ihre Männer. Sie selbst war auch mit ihrer Geschichte unzufrieden und wollte teilhaben an dieser großen Veränderung. Sie suchte und fand viele, viele Menschen, die auch vieles anders machen wollten.
Eines Tages kam eine gute Fee und wünscht ihr verschiedene Traumprinzen und so sollte es auch geschehen. Aber da diese doch keine Traumprinzen waren, zogen sie immer wieder von dannen und ließen sie mutterseelenallein zurück. Sie suchte und fand aber kluge Lehrer und lernte weiter, ohne Unterlass. Sie erlernte nochmals ein Handwerk, und weil es ein kunstreiches war, musste sie viele Jahre lernen. Dessen war sie nun froh und so gingen viele, viele Jahre ins Land.
Eines Tages trat eine böse Fee auf sie zu, verwandelte den Wunsch, der guten Fee und sagte:„Du wirst noch einen Mann kennen und lieben lernen, aber er wird bald in einen tiefen Schlaf fallen und trotz deiner Küsse und Liebe, nie wieder ganz erwachen.“
Denn es gibt im ganzen Land noch kein Mittel gegen diese Krankheit. Glaube nur nicht, dass es so sein wird, wie bei einem einem anderen Mädchen, das nach einem tiefen Schlaf, den Apfel ausspuckte und durch einen Kuss wieder erwachte. Dein Mann wird in eine geheimnisvolle Welt eintauchen, die nur ihm allein zugänglich ist und zu dem auch du keinen Schlüssel haben wirst. Aber ich schenke dir eine Gabe: Du wirst bis ans Ende seiner Tage, hoffen können, dass du doch eines schönen Tages, seine Welt verstehen wirst.“
Die Weissagungen der bösen Fee, erfüllten sich schon bald und der Mann verfiel in einen tiefen Schlaf. Niemand wusste ein Mittel, dass dem Mann das ganze Leben wiedergeben konnte. Sie fragte sich immer wieder: Warum wurden er und auch sie nur so hart gestraft? Sie hatte lange Zeit die Hoffnung, dass ihm eines Tages ein giftiges Apfelstücke aus dem Mund herausfahren würde und er sich wieder unverdrossen auf den Heimweg machen könnte.
Aber das sollte nie geschehen, da sie weder einen Zauberstab hatte, der ihr diesen Wunsch erfüllte, noch ein Wollknäuel, welches ihr den Weg wies, saß nun die arme Frau und wusste sich keinen Rat. Es tat ihr so weh, dass es ihr fast das Herz abstieß. Sie beschloss aber immer wieder geduldig zu versuchen, ihn zu erlösen. Aber es gelang ihr nur selten, seine Tür, einen Spalt weit zu öffnen. Oft hoffte sie, dass er nur tagsüber tief schlief, aber nachts lebendig sein könnte. Sie versuchte wach zu bleiben, um dies zu beobachten, schlief selbst doch immer wieder ein, da sie die Gabe hatte, tief und viel schlafen zu können..
So erfuhr sie niemals, ob sich ihre Hoffnung nachts erfüllte.
Sie dachte oft, er lebe in einem Schlaraffenland, in dem alle Menschen nur lieb und freundlich zu ihm seien, das Essen in seinen geöffneten Mund fliege und ihm wunderschöne Träume erschienen, wogegen sie viel Plackerei hatte.
Aber sie bekam in diesen Tagen, als das Wünschen noch geholfen hat, auf wundersame Weise mehrere Söhne, Töchter und Enkel. Sie genoss es sehr und freute sich an ihnen.
Eines schönen Tages segelte der Mann dann allen voran, aus dieser Welt und nun war sie auch zufrieden.
Und obwohl ihr die Augen trüber, ein Arm und ein Bein lahmer wurden und zitterten, beschloss sie trotzdem, dieses Leben weiter zu genießen.
Die Zeit unseres Zusammensein ist also noch nicht um, und so lasst uns denn gemeinsam unseres Weges ziehen.“
„LOGIK BRINGT DICH VON A NACH B, DEINE FANTASIE ÜBERALL HIN“.
ALBERT EINSTEIN
ODER
„NENNE DICH NICHT ARM, WEIL DEINE TRÄUME NICHT IN ERFÜLLUNG GEGANGEN SIND, WIRKLICH ARM IST NUR DER, DER NIE GETRÄUMT HAT.“
MARIE VON EBNER ESCHENBACH
Heute ersetze ich meine Fantasie, anders wie in der Kindheit, durch eigene Erfahrungen, erworbenes Wissen und den Austausch mit anderen Menschen. Doch mal ehrlich, ohne Fantasie könnten wir doch gar nicht kreativ sein oder? Wir würden keine neuen Erfindungen machen und Erkenntnisse gewinnen, keine Träume und Wünsche mehr haben.
Aber jeder ist jetzt, im Alter, reicher geworden, durch das teilweise Ausleben der Fantasie, sei es durch das Lesen von Büchern, das Ansehen von Filmen, durch Musik, malen oder schreiben…
Mein eigenes Märchen zeigt mir heute, erstens, deutlich auf, dass es keine guten Feen gibt, die dafür sorgen, dass es bald wieder FRIEDEN wird.
Zweitens, weiß ich heute, dass nur ich selbst an meiner (veränderten) ZUFRIEDENHEIT arbeiten kann.
Drittens, brauche ich viel Mut und Gelassenheit, um mir meine NEUGIER zu erhalten.
Ich setze noch hinzu, ich möchte mir heute bewusst machen, dass ich mich auch selbst VERWÖHNEN kann, denn das, ungefragt, von meinen Mit-Menschen zu erwarten, schafft nur Unzufriedenheit, bei mir selbst und bei anderen. Es kann aber bedeuten, dass ich noch lernen kann, mich mit meinen eigenen Unzulänglichkeiten zu VERSÖHNEN.
(Es fällt mir auf, dass bei diesen beiden Wörtern „nur“´ein einziger Buchstabe anders ist und die Begriffe dadurch eine andere Bedeutung bekommen:
„VERWÖHNEN—VERSÖHNEN“)
Noch einmal zurück zum Thema FANTASIE:
Ich frage mich heute, habe ich selbst im Alter noch Fantasien über mein Leben. Habe ich sowohl tagsüber als auch nachts noch Fantasien, ob ich nicht doch noch für mich eine andere Wohnform wünsche? Oder könnte ich mir ein Mehr-Generationenhaus oder eine Wohngemeinschaft mit anderen alten Menschen wünschen?
Das Leben ist jetzt eine Mischung aus eigenen Erfahrungen, erworbenem Wissen und dem Austausch mit anderen Menschen. Doch mal ehrlich, ohne Fantasie, könnten wir doch gar nicht kreativ sein, weder im Leben insgesamt und auch jetzt nicht im Alter. Wir würden keine neuen Erkenntnisse, Entdeckungen machen, keine Träume und Wünsche mehr haben. Ich bin sicher, ohne Fantasien, angeregt durch Bücher, Filme, Musik, Kunst, malen oder schreiben, würden wir emotional verkümmern und erstarren.
Anregungen durch Fantasien führen mich zu anderen Themen und die verschaffen mir Ruhe, Frieden und Entspannung. Ich komme dadurch in andere Dimensionen.
Früher sagte man uns in der Schule oft, wenn man irgendwelche Fantasien äußerte: „Das sind doch nur Spinnereien, die bringen nichts.“
Jemand, der so etwas sagt, hat sich vielleicht selber noch nie durch einen Roman oder die Erzählung von anderen Menschen, in eine andere Welt versetzen lassen. Ich freue mich jedes Mal, wenn es mir gelingt, mich durch ein spannendes Buch verlocken lassen kann, in eine andere, mir bis dahin unbekannte Welt, einzutauchen.
Ich kann mich noch erinnern, als wir in einem Literaturkreis, mit anderen alten Menschen, feststellen mussten, dass dadurch, dass wir keine langen Romane mehr lesen konnten, auf Grund fehlender Konzentration, aber nur noch Kurzgeschichten lasen, dass das nicht sehr verlockend war, weil wir dadurch nicht mehr die Chance hatten, uns umfassend in eine andere Person oder in eine andere Dimension führen zu lassen. Ich nahm schon damals deutlich wahr, dass sich dadurch meine Welt verkleinerte.
Früher haben zum Beispiel Lehrer zu uns gesagt: „Du lebst ja im Wolkenkuckucksheim“, das wurde abfällig kommentiert. Oder: „Dass, was du da sagst, sind doch Hirngespinste“ oder: „Du lebst ja auf der Insel der Seligen, komm doch erstmal auf den Boden der Tatsachen.“
Jetzt ergänzend noch ein Spannungsbogen zu nächtlichen Träumen. Alfred Adler, Tiefenpsychologe, hat mich mit seiner interessanten Deutung, Träume als Probehandlungen zu sehen, immer fasziniert,
Dazu eine eigene Anekdote. Das kann ich bestätigen, da ich bei meinen Wiederholungsträumen, seit ich im Rollstuhl sitze, lachend und freihändig mit dem Rad den Berg herunterfahren kann. Wenn ich dann aber morgens aufwache, bin ich oft einerseits hochmotiviert, den neuen Tag anzugehen, um meine Beweglichkeit zu trainieren, aber andererseits kenne ich dann auch Wut und Tränen, dass das nicht mehr geht.
(Ein verlockendes neues Thema: Die nächtlichen Träume, bezogen auf Behinderungen? Ich werde daraufhin mal versuchen, meine Träume festzuhalten.)