Nach einem stressigen Krankenhausaufenthalt zur Diagnostik, ging ich vor die Tür und dort standen sechs Taxen. Ich wollte, mit Hilfe meines Stocks, in das erste Taxi einsteigen, konnte es aber nicht, weil es so unglücklich an der Bordsteinkante stand, dass ich den Fuß nicht richtig hinsetzen konnte. Deswegen machte ich eine Handbewegung, zum Taxifahrer, er möchte ein Stück vorfahren.
Da hat er mich das erste Mal heftig angeschrien (Heute weiß ich, an der Stelle hätte ich sofort sagen müssen: „Fahren sie weg, ich nehme das nächste Taxi.“ Das ist mir aber leider gar nicht eingefallen.)
Dann setzte er sich wieder hin, und ich bat ihn höflich nochmals aufzustehen, um mir beim Einsteigen zu helfen. Ich machte die klare Ansage: „Halten sie bitte mal meinen Stock und ich setze mich rückwärts hinein.“ Ob er das gehört hat, weiß ich nicht. Was er aber tatsächlich gemacht hatte war, dass er mich völlig aggressiv an meinem gesunden Arm riss und ich vor Schmerzen ganz laut aufgeschrien habe. Ich dachte, er hätte mir den Arm gebrochen. Ich weinte sofort los, weil ich ganz, ganz schlimme Schmerzen hatte.
Er fuhr mich dann zwar nach Hause, aber ich war so in Wut, dass ich ihn nicht bat, mich in die Wohnung zu begleiten. Der Erfolg dieser unsäglichen „Hilfe“ war, dass ich danach insgesamt, drei Wochen, unter extremen Dauer-Muskelschmerzen im rechten Arm (Muskelriss oder-Zerrung?) gelitten habe.
Das Drama eskalierte außerdem in einer Nacht, weil ich nicht aufstehen konnte.
Außerdem hatte ich am Abend, bedingt durch den Stress, erstmals vergessen, den Alarmknopf so hinzuhängen, dass ich mir in der Nacht hätte Hilfe holen können. Als Folge hatte ich in dieser Nacht zusätzlich eine Panikattacke, weil ich überhaupt nicht wusste, wie ich wieder zum Aufstehen kommen könnte. Es gelang mir erst, nach einer schrecklichen halben Stunde, mit zunächst zahlreichen vergeblichen Versuchen und unter großen Schmerzen wieder zum Sitzen zu kommen. Ich brauchte danach Stunden, um allmählich wieder zur Ruhe zu kommen.
Am nächsten Tag hatte ich Hilfen durch meine beiden Therapeuten, die mir sowohl Kühlpads auf den Arm legten als auch mich, ganz vorsichtig, einrieben.
Mir wurde klar, dass ich in diesem Zustand, keinen Arm nutzen zu können, nicht alleine in der Wohnung sein konnte. Da kam der Physiotherapeut auf die unglaublich gute Idee (die ich bis dahin überhaupt nicht, wie man heute sagt, auf dem Schirm hatte), dass ich in der KURZZEITPFLEGE, die auf unserem Gelände ist, anfragen könnte, ob sie mich für eine oder zwei Wochen aufnehmen würden.
Zu meinem großen Erstaunen konnten sie, innerhalb von zwei Tagen, mir das Angebot eines Einzelzimmers machen und ich konnte für drei (!) Wochen kommen. (Meine bisherige, falsche Information war, dass ich immer dachte, hier könnte ich nur vorübergehend einziehen und nur nach einem Krankenhausaufenthalt.)
Und dann war ich sofort begeistert von dieser Form von VERWÖHNUNG, die ich hier vor Ort bekam, sowohl was die pflegerische, mentale, anregende Versorgung als auch die individuelle Ernährung betraf. Alle waren sehr bemüht, dass es mir hier gut ging.
Das war zwar auch anstrengend, denn natürlich war das Leben mit zwanzig Menschen, um mich herum, die alle auch Defizite haben, ein so anderes Leben, als mein Alltag zu Hause. Aber ich war schnell insgesamt zufrieden, dass ich hier war.
Aber natürlich hatte ich diverse Probleme. Das ungewohnteste Thema für mich war, ständig um Hilfe bitten zu müssen und dann zu warten, bis jemand kam. Dazu einige Beispiele:
TOILETTENBRILLE:
Ich quälte mich tagelang damit. D.h., da ich mich mit keiner Hand festhalten konnte, ließ ich mich von oben herab darauf fallen. Mit dem Erfolg, dass ich zusätzliche intensive Schmerzen im gesamten Rückenbereich hatte. Aber ich bin nicht einmal auf die Idee gekommen auch dafür hier eine Lösung zu suchen. Erst als ich den Alltags-Helfer um Hilfe bat, verstand ich den dafür möglichen Weg.
Er bot mir nämlich sofort an, mir eine erhöhte Toiletten-Brille zu besorgen und innerhalb von zwei Minuten montierte er mir diese auf meine Toilette. Und ab sofort konnte ich mich Schmerz- und Angstfrei, auf die Toilette setzen.
Dass ich an diese Hilfe gar nicht dachte, faszinierte mich, denn so eine Erhöhung hatte ich damals sowohl in der Reha als auch lange Zeit in der eigenen Wohnung.
NACHTS UM HILFE BITTEN:
Das fiel mir so schwer. Das Angebot der Schwestern aber war: „Sie dürfen, nein sollten nachts klingeln, wenn sie sich, wegen ihrer starker Armschmerzen, nicht am Gitter hochziehen können.“
Eine Schwester bot mir an, ich könne es auch in Anspruch nehmen, dass mir dreimal am Tag mein Arm eingerieben werden könnte, mit Aconit Schmerzöl. „Darum sind sie doch hier.“
Ein WUNDER:
Seit heute ist das mein Stand-Fahrrad hier, denn der Helfer schob es aus meiner Wohnung auf Rollen durch den Park hierher, da sie hier so ein Rad nicht hatten.
Ich schaffte es, gleich am ersten Tag, drei Mal, je 20 Minuten, zu trampeln. Es gelang mir gut und verschaffte mir insgesamt eine bessere Stimmung.
DAS GEHEN AM STOCK:
war eher erschreckend schlecht, denn ich war zitterig, kraftlos und ängstlich, weil ich für die Hand noch zu kraftlos war, um sicher zuzugreifen. Besser wurde es mit einer stützenden Begleitung. Dann war ich innerlich entspannter und konnte mich beruhigen, denn selbst, wenn ich stürzen sollte, bekäme ich hier sofort Hilfe.
BEOBACHTUNG MEINERSEITS DER ANDEREN Menschen:
Hier waren z.B. jammernde, schimpfende und demente Gäste.
Ich registrierte bei mir erschrocken, stark schwankende Gefühle sowohl zwischen spontaner Hilfsbereitschaft und Verständnis als auch Hilflosigkeit, Genervt-Sein und Wut. Und natürlich nahm ich auch Angst vor der eigenen Zukunft wahr.
BADEN:
Das erste Mal nach dem Schlaganfall, ein dreimaliges Geschenk. Ich spürte sofort eine große Sicherheit, als ich, mit Hilfe eines Lifters, in das wunderbar warme Wasser heruntergelassen wurde.
UM HILFE BITTEN FÄLLT MIR SOOO SCHWER:
Aber das Zuziehen der Gardinen, das An- und Abstellen der Heizung, das Aufheben des Kabels und der Brille, unter dem Bett oder das Einreiben des Rückens… Alles wurde hier stets gerne und schnell erledigt.
(Nächstes Mal unbedingt den Greifer mitnehmen, denn auch hier fällt mir dauernd etwas herunter.)
(Meine gegensätzlichen Erinnerungen dazu, in der Reha nach dem Schlaganfall, auf meine Bitte um Hilfe, waren dagegen oft: „Dafür bin ich nicht zuständig“ oder „Mache ich gleich“…, was dann aber oft vergessen wurde.)
Gegen Ende der drei Wochen in der Kurzzeitpflege,
NACHDENKEN ÜBER MÖGLICHE VERÄNDERUNGEN/VERBESSERUNGEN,
für meinen zunehmend belastenden Alltag:
„ESSEN AUF Rädern“ ausprobieren, evtl. bestellen zumindestens für das Wochenende.
HÖHERE PFLEGESTUFE BEANTRAGEN, GRAD 3.
BESSERE VERSORGUNG FÜR DIE NACHT?
DRINGEND: BEGLEITUNG FÜR ARZTBESUCHE
Kaum war ich aber, nach drei Wochen, wieder zu Hause angekommen, habe ich zunächst mit einer noch heftigeren Schmerz-Attacke des Armes reagiert, denn die Anforderungen des „Wieder-alleine-Lebens“ waren erheblich.
Darum versuchte ich dringend einen Arzttermin bei einem Orthopäden zu bekommen, was mir tagelang nicht gelang, bedingt durch Feiertage und Überforderung der „Ersten Hilfe“, durch Sylvester-Dramen, hatte ich keine Chance.
(Trotzdem weiß ich heute: Ich werde mir diese „Verwöhnung“ in Zukunft auch mal eher gönnen, da es insgesamt sehr positiv war. Andere fahren in den Urlaub, ich miete mich evtl. für drei Wochen, in der oben beschriebenen „Verwöhnungs-Station“ ein.)
Die umfassende Untersuchung, nach drei Wochen Wartezeit, bei meiner Haus-Orthopädin, ergab die gute Nachricht: Ich muss nicht operiert werden, denn ein MRT ergäbe keine weiteren Erkenntnisse, die Muskeln wären nicht gerissen, da ich immer noch fest zugreifen könne. Aber der Heilungsprozess könnte noch Wochen bis Monate andauern… Therapie bedeutet, den Arm weiter schonen. Sie war sich sicher, ich hätte insgesamt diese drei Wochen gut genutzt.
Ich schließe mit dem Satz, der auf einer Postkarte einer Freundin stand:
ALLE SAGTEN: „DAS GEHT NICHT“. DANN KAM EINE, DIE WUSSTE DAS NICHT UND HAT ES EINFACH NUR GEMACHT.