Höflichkeit, nicht mehr „Modern“?

„Die wahre Höflichkeit besteht darin, dass man einander mit Wohlwollen entgegen kommt.“

(Jean Jacques Rousseau, Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, 1712-1778)

Ein für mich wichtiger Wert im Zusammenleben der Mit-Menschen, ist das Thema Höflichkeit. (Dieses wird in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich sein und ist hier bei uns nicht mehr so „modern“.)

Respektvolles Verhalten und freundliche Rücksichtnahme sind heute keine Selbstverständlichkeiten mehr.

Darum möchte ich eigene Beispiele bringen und würde mich freuen, wenn Sie Ihre ergänzen würden. Ich suche vor allem Beispiele, in denen Sie Selbst oder Andere mit Humor auf Unhöflichkeit haben reagieren können (denn das gelingt uns oft nicht)

In unserer Welt, die oft geprägt ist von Schnelligkeit, sprich Stress, wäre, trotz alledem, Höflichkeit eine wichtige Voraussetzung, für ein harmonisches Miteinander.

Ich mache heute aber auch oft die gute Erfahrung, dass ich, wenn ich als behinderte Frau, um Hilfe bitte, diese auch bekomme.

Erstes Beispiel:

Ich schlich, mit dem Stock, in schlechter Stimmung, bei 35 Grad, den Bürgersteig entlang, als mir ein älterer Herr im Rollstuhl entgegen kam. Er hielt sofort an, um mich vorbei zu lassen und lächelte mich an.

Ich war darüber so erfreut, dass ich ebenfalls stehenblieb und mit ihm ins Gespräch kam.

Ich: „Da haben sie ja einen tollen Elektrorollstuhl, der ist bestimmt noch neu?“

„Ja, aber es ist kein Auto, das hat mir die Polizei abgenommen.“

„Wieso das denn?“

„Ich war so leichtsinnig, mit meinem Auto ein Polizeiauto zu küssen. Dann musste ich einen Test machen und sie haben mir verboten noch zu fahren.“

Als ich ihn im weiteren längeren Gespräch über die Vorteile, dank des Rollis wieder mobiler zu sein, bewunderte, freute er sich sehr und sagte: „Das hat mir sehr geholfen, vielen Dank, wahrscheinlich muss ich jetzt nur noch lernen, das auch so zu sehen.“

Als wir uns trennten, hatte ich eine völlig andere Stimmung und ging geradezu beschwingt weiter.

Eine solche Begegnung mit einem wildfremden Menschen, ist ein Geschenk und hat mir mal wieder gezeigt, wie gut es ist, dafür offen zu sein.

Zweites Beispiel:

Ich hatte in einem Arzt-Haus einen Termin und stand bereits im Fahrstuhl. Als der Fahrstuhl hielt, stand davor eine dicke Dame mit zwei kleinen Hunden. Diese hielt sie an langen Leinen, aber beide zogen sie jeweils in eine andere Richtung. Die Dame hatte zusätzlich zwei Krücken. So hatte ich keine Chance auszusteigen. Sie ging keinen Schritt zur Seite, reagierte aber sofort aggressiv, als ich sie freundlich bat, so weit zur Seite zu gehen, damit ich aussteigen könnte. Es dauerte, bis sie endlich versuchte, die Leinen kürzer zu fassen. Dann fiel ihr noch eine Krücke herunter. Obwohl ich selbst große Mühe habe, Etwas von der Erde aufzuheben, versuchte ich es und es gelang mir.

Kein Wort des Dankes, sondern nur aggressives, unverständliches vor sich hin Murmeln war ihre Antwort.

Allmählich wurde auch ich wütend.

„Wir können so auch noch lange hier stehen bleiben, aber ich habe einen Termin und wir blockieren den Fahrstuhl für andere.“

Erst da schien sie zu verstehen, dass s i e versuchen müsste, sich in die Ecke zu drängen. Und so gelang es mir endlich auszusteigen.

Was tun sich manche Menschen an, aber damit auch anderen, aber vielleicht wissen sie gar nicht, dass sie sich bei derartigen Behinderungen einen Begleitservice buchen könnten?

Drittes Beispiel:

Die Erfahrung, verstärkt in der letzten Zeit, auf dem Bürgersteig übersehen zu werden, ist für uns behinderte Menschen oft eine neue Herausforderung, da viele nur auf ihr Handy starren. Ich habe mir angewöhnt vorausschauend zu sehen, d.h. dann e i n f a c h, auf meinen Stock gestützt, stehen zu bleiben, da ich sonst Angst bekomme, umgeschubst zu werden.

Es ist mir auch schon passiert, dass andere Menschen fast über mich gestolpert sind. Dabei habe ich tatsächlich keine Wut, sondern eher schadenfrohe Gefühle, wenn sie sich erschreckt haben.

Leider fällt mir oft erst hinterher ein humorvoller Spruch ein: „Na, gut geschlafen?“ Oder: „Entschuldigung, jetzt hätte i c h sie bald umgerannt.“

Eine Entschuldigung von der anderen Seite ist eher selten.

Auf der Suche nach menschlichem Verhalten, stöbere ich gerne erfolgreich beim Lyriker EUGEN ROTH, 1895-1976

BEGEGNUNG

„Zwar fragen uns Bekannte stets,

Wenn sie uns treffen; „Na, wie geht‘ s?

Doch warten sie so lange nie,

Bis wir es sagen könnten, wie.

Wir stellen drum statt langer Klage,

Sofort die kurze Gegenfrage.

Dann ziehen höflich wir den Hut

Und sagen beide: „Danke, gut!“

Wir scheiden, ohne uns zu grollen-

Weil wir’s ja gar nicht wissen wollen.“

Und hier zum Abschluss ein passendes deutsches Sprichwort:

„HÖFLICHKEIT BELEIDIGT NIEMANDEN.“

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