Alleine Leben

Wenn wir beim Älter-Werden und Behindert-Sein, alleine leben, tauchen viele zusätzliche Fragen auf, die der, der in einer Partnerschaft oder in einer Familie lebt u. U. so nicht hat.

Wer schon lange Zeit vor dem Schlaganfall, alleine lebte, war schon immer geübt mit Verwaltungsarbeiten umzugehen (gemocht haben wir diese Arbeiten alle sicher nie gerne, siehe Steuererklärung.) Ich greife hier nur einige heraus:

  • Büroarbeiten. (Da muss jetzt vieles neu organisiert werden. Entweder schafft man dies noch alleine, sonst dringend Unterstützung suchen, z. B.  Hilfe durch: Pflegestützpunkt, evtl. Hausbesuche.)
  • Die Ordner in Abständen immer wieder auf den aktuellen Stand bringen.
  • Kontakt zur Hausverwaltung.
  • Informationen bei diversen Krankenkassen einholen, z.B.: für eine Reha (evtl. Widersprüche formulieren.) Beantragung von Hilfsmittelfinanzierung, z. B. Rollstuhl. 
  • Antrag bei Pflegeversicherung, für Pflegegrad, neu oder Erhöhung beantragen.
  • Verwaltung der Finanzen.
  • Erbschaftsregelungen.
  • Beerdigung evt. Festlegen und Bezahlen (!)

Riesenthemen, besonders durch ständige Erweiterungen und Neuerungen, siehe Handy, Telefon, Tablet…Durch wen bekomme ich Hilfe, bei diesen diversen Techniken?

Arzttermine neu organisieren lernen, durch aktuelle Neuerungen, z. B. Doctolib.

Begleitung bei Arztbesuchen organisieren, evtl. Hilfe durch ambulanten Pflegedienst oder Schiebedienst, z. B. durch die Diakonie.

Auseinandersetzungen und Veränderungen in Familie und Freundschaften wahrnehmen.

Die Liste wird vermutlich bei jedem noch unterschiedlich fortzuführen sein?

Ich bin jetzt beim Auflisten dieser vielen Möglichkeiten selbst erschrocken, wie hoch kompliziert unser Leben abläuft und wie viele Aufgaben ich im Alter zusätzlich habe, die im Laufe meines Lebens bisher überhaupt keine Themen waren. Und das sind nur die administrativen Dinge.

Die weiteren Herausforderungen waren und sind, dass ich durch diverse Einschränkungen, jetzt bereits weitere Hilfsmittel wie einen Stock, einen Rollator und/oder einen Rollstuhl brauche. Das erlebe ich (wie viele andere) als Zumutung und Kränkung,, darum verweigerte ich mich wiederholt gegen Physiotherapeuten und Angehörige.

Dazu kam für mich ein weiteres, sehr wichtiges Thema. In der Reha wurde mir angeboten, dass eine Therapeutin mich zu Hause besuchen könnte, um mir dort konstruktive Vorschläge zu machen, wie meine Wohnung behindertengerecht, für mich, da alleinlebend, umorganisiert werden müsste. Das erlebte ich als dringend notwendige große Unterstützung.

Das Thema, wie dies alles psychisch zu bewältigen war und ist, ist bis heute, riesig. Da wiederholten sich einige, bereits an anderer Stelle ausführlich beschriebene, Themen wie: Akzeptanz der Behinderung, Abschied nehmen vom gesunden Leben, Zunahme weiterer Behinderungen, Umgang mit übergriffigen schnellen Vorschlägen, sprich Besser-Wissern, und radikale Einschränkungen des Alltags-Lebens.

„Drama“ Haustür 

Ein Thema, macht mir beim allmählichen Älter-Werden, und Behindert-Sein insgesamt die meisten Probleme, denn diese kann ich nicht selbst organisieren und entscheiden. Ich fühle mich damit alleingelassen und hilflos.

Seit 15 Jahren wohne ich in einer barriefreien Zwei-Zimmer-Wohnung.

Seit ich hier wohne, ist aber das Thema Haustür noch nie befriedigend gelöst worden, da der Vermieter sich bis heute weigert, eine Lösung zu finden und behauptet, auf Grund des Denkmalschutzes keine Änderung vornehmen zu können. (Profis habe mir bestätigt, dass es dafür aber eine Lösung geben würde.)

Meine Situation ist, dass ich mich, durch meine Einarmigkeit, allein nicht mit einem normalen Schiebe-Rollstuhl fortbewegen kann und darum beantragte ich einen Elektrorollstuhl, den ich, ohne Widerspruch, genehmigt bekam. Die Kasse zahlte ihn mir, er ist aber nur geliehen.

Mit dem ersten Elektro-Rollstuhl übte ich, merkte aber sofort, er ist falsch und zwar deswegen, weil der Fahrstuhl zu klein und zu eng ist. Der zweite war ebenfalls falsch und erst als ich den dritten ausprobierte, kam ich relativ stressfrei in den Fahrstuhl. Aber ich muss ganz, ganz vorsichtig hineinfahren, trotzdem bin ich „schuld“ an mehreren Kratzern an den Wänden. Aber mit ihm, kann ich, trotz der Enge, auf der Stelle wenden und Vorwärts wieder rausfahren. Nach vielem üben dann tatsächlich ein großes Erfolgserlebnis.

Aber die Haustür, bleibt die nächste Herausforderung, sie ist für einen Rollstuhlfahrer, der alleine aus dem Haus fahren möchte, schwergängig und vor allem, nicht feststellbar.

Dieses Drama betrifft inzwischen mehrere Mieter, darum wandten wir uns gemeinsam an den Vermieter, mit der Bitte, den Einbau einer Elektrotür zu genehmigen.

Und damit begann eine Reihe unerfreulicher Briefe, die aber bis heute zu keinem Ergebnis führten. Obwohl wir uns inzwischen sowohl an den V D K, den Mieterverein als auch den Behindertenbeauftragten der Stadt gewandt hatten, kamen wir keinen Schritt vorwärts.

Das Ergebnis? Antwort des Vermieters, die uns alle schockiert hat:

„Wir müssen die Ablehnung nicht begründen und konkretisieren. Sie sind in ein Haus eingezogen ohne Automatiktür und daran werden wir auch nichts ändern.“

Der Ton dieser Ablehnung empörte uns zutiefst. Aber wir mussten feststellen, dass der Hausbesitzer das Recht auf seiner Seite hat, aber wir keine weiteren Rechte haben.

Bleibt also nur der Auszug?

Obwohl Freunde und meine behandelnden Ärzte mich ermutigten, mich an die Presse zu wenden, bringe ich diese Kraft nicht mehr auf und ich beschloss EINFACH loszulassen.

Was bleibt, ist eine tiefe Empörung über den Umgang mit älteren, sprich behinderten Menschen und die völlige Unfähigkeit sich in unsere Situation einzufühlen.

Ich weiß jetzt natürlich, dass es einen Unterschied gibt, zwischen einer Wohnung, die behindertengerecht und einer Wohnung, die nur barrierefrei ist. Gleichzeitig ist schwer zu verstehen, dass sie die Wohnungen so renovierten, dass sowohl die Wohnungs- als auch die Badezimmer-Türen so breit sind, dass man mit einem Rollstuhl hindurchfahren kann, aber gleichzeitig nicht bereit sind, für alle für eine stressfreie Haustür zu sorgen.

Ich suchte und fand dann, gemeinsam mit meinen Therapeuten, folgende Lösung für die Haustür:

Wenn ich unten an die Haustür komme, muss ich aus dem Rollstuhl aussteigen (was mir zum Glück jetzt noch gelingt), lege einen dicken Back-Stein, der umgebaut ist, um ihn greifen zu können an die Tür.

So bleibt die Tür stehen, ich fahre hinaus, steige wieder aus, räume den Stein zur Seite und schließe die Tür. Erst dann kann ich einsteigen und losfahren.

Andere Mieter, die nicht mehr so beweglich sind, können nur noch dann in den Park fahren, wenn sie Besuch haben, sonst sind sie in der Wohnung eingesperrt.

Wut- und Hilflosigkeitsgefühle blieben bei mir trotzdem lange Zeit erhalten, das ging sogar so weit, dass ich überlegte entweder wieder auszuziehen oder auf den Elektrorollstuhl zu verzichten.

Aber ich entschied mich für die Priorität, ich bleibe hier wohnen und übe, übe, übe…

(Um den täglichen Stressfaktor zu reduzieren und alleine in den Park fahren zu können, fahre ich aber nur dann raus, wenn ich innerlich entspannt bin…)

Nach wochenlangem Üben, gemeinsam mit den Therapeuten, bin ich jetzt soweit, dass ich die Sicherheit habe: ‚JA,ICH KANN ES SCHAFFEN.‘

Ich kenne dabei jetzt sogar schon Glücksgefühle: ‚Ja, ich bleibe autonom, kann alleine und stressfrei raus- und reinfahren, freue mich an der neugewonnenen Erweiterung meiner Lebensqualität und kann somit meinen Radius erweitern.‘

Dazu noch eine Ergänzung: Schon vor Jahren, als ich den Schlaganfall erlitt, beantragte ich für das Treppenhaus einen zweiten Handlauf, es gab ihn nur auf der linken Seite. Das wurde ebenfalls rigide abgelehnt. „Das war schon immer so und bleibt auch so.“

Und so kann ich, nach wie vor, im Treppenhaus die Treppen nur rückwärts hinuntergehen.

„Plauderbank“ und „Erzähl-Café“


Alleine-Leben, im Alter, heißt nicht zwangsläufig zu vereinsamen. Dazu gibt es immer wieder Bücher, Beratungsstellen, Nachbarschafts-Treffen, Angebote der Kirchgemeinden…

Ein guter und umfassender link ist z. B.: https://www.malteser.de/dabei/information-tipps/einsamkeit-im-alter-10-hilfreiche-tipps.html

Im Netz fand ich zwei wunderschöne Ideen, für Allein-Lebende, die ich hier gerne bekannt mache und die sich mit Hilfe des Netzes herumsprechen könnten.
Das eine ist die PLAUDER-BANK in Berlin-Wedding.

(Siehe: weddingweiser.de/plauderbaenke-fuer jung und alt ).

Die andere Idee ist es, ein ERZÄHL-CAFÉ zu gründen oder sich einem anzuschließen. (Siehe: Wikipedia)

Dort kann in ruhiger Atmosphäre lebendiges Erinnern der jeweiligen Biografien und Austausch von Alltagsgeschichten stattfinden. Dieses gemeinsame Gedächtnistraining ist sowohl für den Erzählenden wie für den Zuhörenden eine große Bereicherung.

Dazu die Antwort einer guten Freundin, die darüber jammerte, dass sie, weil sie alleine lebt, so einsam ist. Als ich ihr von dieser Alternative erzählte, hat sie ganz energisch gesagt: „Aber, das macht man doch nicht. Ich kann doch nicht auf der Bank im Park einen wildfremden Menschen einfach ansprechen.“ Doch, sowohl Mann als auch Frau kann das. Ich selbst muss nur bereit sein, dieses Tabuthema zu überwinden.

Aber für diese Idee gibt es insgesamt auf Bürgersteigen und in Parks noch viel zu wenig Bänke. Die normale Bank ist oft ungeeignet, um sich als älterer und behinderter Passant auszuruhen, denn dort fehlen Armlehnen, um sich erfolgreich beim Wiederaufstehen abzustützen.

Ein Gedanke zu „Alleine Leben

Hinterlasse einen Kommentar