Brief zum 99. Geburtstag einer Freundin:
„Zu Deinem 99., sprich neun und neunzigstem, Geburtstag, versuche ich einen Brief an dich zu schreiben. Er wird von meinem Lieblingsthema handeln, was mich schon seit Jahrzehnten beschäftigt sowohl privat als auch beruflich, denn ich suchte in meinem ganzen Leben (in der Kindheit begann ich bereits damit), für mich nach VORBILDERN.
Hier mache ich zunächst einmal eine kleine Pause und frage, ob Du auch Vorbilder in Deinem Leben hattest? Diese Frage ist für Dich jetzt ganz spontan und evtl. kannst Du sie heute auch gar nicht beantworten. Vielleicht kann ich Dich aber anregen, darüber in Deinen Erinnerungen zu forschen und wir tauschen uns darüber später einmal aus?
Menschen, die mir Vorbild waren, das waren berühmte, tüchtige und mutige Frauen: u.a. MARGARETE STEIFF (1847-1909) und HELEN KELLER (1888-1968). Sie strahlten, trotz ihrer schweren Behinderungen sowohl Lebensfreude als auch Kreativität aus. (Über beide gibt es unter YouTube Filme.)
Die Pädagogin und Ärztin, MARIA MONTESSORI (1870-1952), faszinierte mich mit ihrem Konzept „Hilf mir es selbst zu tun“.
In meinem realen Leben war es vor allem MEINE MUTTER und wie sie es geschafft hat, uns vier Kinder mit Mut und Energie durch die Kriegs- und Nachkriegszeit zu begleiten. Mit großer Hochachtung erinnere ich mich gerne daran, wie sie später mit meinem Vater, bis ins hohe Alter, gemeinsam ihr Leben gut gestaltet haben.
Ein Vorbild war mir auch meine geliebte TANTE CHRISTA, die wie ich Erzieherin war.
Und jetzt beim Älter-Werden, war es u.a. unsere GEMEINSAME FREUNDIN D.
Allen Dreien gemeinsam ist, sie hatten sehr schwierige Leben, waren aber trotzdem im hohen Alter zufrieden.
Alle drei wollten es mir immer nicht glauben, dass sie meine Vorbilder waren und ich bin froh, dass ich es ihnen am Ende ihres Lebens gesagt habe, aber geglaubt haben sie mir das nicht.
Und jetzt will ich das besser machen. Ich wollte Dir heute sagen, dass Du, seit wir uns kennen, das sind jetzt fünf Jahre, in der täglichen Bewältigung Deines Alters, ein großes Vorbild bist und mir noch hoffentlich lange so erhalten bleibst.
Deine Freundlichkeit, Dein Optimismus, Deine Zufriedenheit und Dein Interesse an uns, darüber freue ich mich bei unseren regelmäßigen Treffen immer sehr.
Ich genieße es, dass Du mir ausführlich aus Deinem langen, oft schwierigen, aber trotzdem auch gelungenen Leben berichtest.
Ich freue mich, dass ich Dich aber auch immer wieder verführen kann, über andere Themen zu reden und zwar die, die uns beschäftigen, nämlich wie wir heute unser Leben gestalten und über dass, was uns heute ärgert und was wir heute genießen können.
Es tut mir gut, mich mit Dir darüber auszutauschen, wie sehr wir beide uns anhaltend freuen, dass wir zufällig hier in diesem Hause gelandet sind und wie gut es für uns beide ist, das natürliche Umfeld zu haben, was heute zu uns passt.
Und genau so machen wir weiter, indem wir uns jeden Morgen darüber freuen, dass wieder ein neuer Tag beginnt.
Zum Schluss bleibe ich meinem LEBENSMOTTO treu, immer wieder Aphorismen zu suchen, die mich im Alltag begleiten. Denn mir hilft es z.B. nicht, wenn der andere schnell kommandiert: „Da musst du doch nur Geduld haben.“
Dagegen finde ich für mich den Buchtitel von Sten Nadolny viel angemessener: „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Der Vorschlag klingt für mich weniger aggressiv, sondern eher positiv.
Wir Frauen in unserer Gruppe, beweisen gerade, dass wir auch im (hohen) Alter noch neue Freundinnen finden können. Es besteht in der Gesellschaft nämlich nach wie vor das Vorurteil, dass dies nur schwer gelingt, die kennen uns aber nicht.“
Die Geschichte Von Madame M.
Versehentlich öffnete ich ein Paket, ohne genauer hinzusehen. Ich merkte erst, als ich es öffnete, es war für eine Frau gleichen Namens bestimmt, aber tatsächlich mit meiner Adresse.
Der Irrtum lag sowohl am Paketboten als auch an mir.
Nach langem Herumfragen, bekam ich heraus, dass sie in einem der Pflegehäuser wohnte. Und so konnte es ihr, gemeinsam mit meiner Entschuldigungskarte, zugestellt werden.

Zwei Tage später hatte ich eine wunderschöne Dankes-Sonnenblumen-Karte im Briefkasten. Darin war eine nette Einladung, mit der Anfrage, ob ich sie nicht mal besuchen möchte? Das tat ich einige Tage später sehr gerne und lernte so eine freundliche, 96-jährige, Dame in ihrem Zimmer kennen. Sie saß im Rollstuhl, mit einer Sauerstoff-Maske und strahlte mich an, als ich ihr Zimmer betrat.
Sie war hellwach, sehr an mir und meinem Leben interessiert und erzählte ebenso gerne aus ihrem Leben. Sie war gut über die aktuelle Politik informiert, da sie täglich Nachrichten sah.
Sie war sowohl zufrieden dort zu wohnen als auch, sehr kritisch über die zu wenigen Pflegekräfte und deren zu schlechte Bezahlung. Ihre Schilderungen fand ich bedrückend, gleichzeitig berührend, wie sie sich, trotz alledem, damit arrangieren konnte.
Besonders eine Situation empfand ich als empörend: „Ich war für die Nacht fertig gemacht, draußen war es schon dunkel. Ich konnte die Uhr sehen, es war aber erst 20.00 Uhr. Ich kann mich weder alleine umsetzen, komme nicht an den Lichtschalter noch an die Fernbedienung. Lange Zeit kam niemand, um mir zu helfen. Ich traute mich nicht zu rufen und so lag ich, tief verzweifelt:und hilflos im Bett. Bis die Nachtschwester kam, die ist sowieso die einzige, die sich mal für eine viertel Stunde zu mir ans Bett hinsetzt. Andere bleiben immer nur am Bett stehen, denn alle haben es immer EILIG.
Solche Aussichten auf mein späteres Leben beim Noch-Älter- und Noch-Abhängiger-Werden, lassen mich Gruseln. Ich fragte mich, hatte man sie NUR vergessen oder ist das NORMAL?
In unseren weiteren Gesprächen sprach sie das Thema Sterben an und ich war tief berührt wie gelassen, ruhig und zuversichtlich, sie beschreiben konnte, was sie sich dazu für Gedanken gemacht hatte. Ich fragte nach, ob sie vielleicht mit der Station geklärt hatte, dass sie bei einer Verschlechterung nicht mehr ins Krankenhaus abgeschoben werden wollte, sondern hier im Haus, in ihrem Zimmer, sterben wollte. Sie strahlte mich liebevoll an, erstaunt darüber, dass ich mir auch, Gedanken gemacht habe, wie das für sie ablaufen könnte. Sie hatte es tatsächlich vor kurzem geklärt. Das fand ich sehr beeindruckend und freute mich für sie, dass sie diese klare Entscheidung getroffen hatte. Ja und sie hatte eine Patientenverfügung und ja und sie hatte eine Vorsorgevollmacht.
Wie ich inzwischen von ihr erfahren hatte, hat sie keinerlei emotionale Beziehungen mehr und ist darum tatsächlich ausschließlich auf die (hoffentlich) professionelle Hilfe und Zuwendungen durch Schwestern und Pfleger angewiesen. Und sie wird von einem bestellten Helfer für die rechtlichen Belange gut betreut.
Weiteres Thema ihrerseits: Sie beschrieb mir, dass ihr gerade erst der Arzt vorgeschlagen hatte, noch einmal einen Herzschrittmacher einbauen zu lassen. Sie: „Dann kann ich aber doch gar nicht sterben.“ (Noch nie vorher hatte ich über diesen FORTSCHRITT in der Medizin nachgedacht.)
Kurze Zeit später schrieb ich ihr einen Brief (in Großdruck-Buchstaben), obwohl sie direkt im Haus nebenan wohnte, da ich sie nicht mehr besuchen durfte, sie war gerade positiv getestet worden:
„Wir haben uns ja leider bisher nur vier Mal direkt gesehen, aber ich denke gerne an unsere Gespräche und werde Sie sofort besuchen, wenn es wieder möglich sein wird. Jetzt werde ich Ihnen ab und zu schreiben und wünsche Ihnen, dass Sie immer wieder mal jemanden finden, der Ihnen meine Briefe vorliest. Sie hatten mir doch von der sehr netten Nachtschwester berichtet, die ab und zu nachts sich an Ihr Bett setzt und mit Ihnen redet.
Ich werde Ihnen außerdem aus Ihrer geliebten Tageszeitung Artikel kopieren, ebenfalls vergrößert, da ich weiß, wie interessiert Sie am aktuellen Zeitgeschehen sind. Ich hoffe, dass Ihnen das Spaß macht. Besonders die Kindheitserinnerungen einer 100jährigen Berlinerin, weckt bestimmt auch bei Ihnen eigene Erinnerungen an Ihr Leben. Ich hoffe sehr, dass wir bald Gelegenheit haben werden, dass Sie mir Geschichten aus Ihrem ereignisreichen Leben erzählen.
Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie nicht leiden müssen und dass Ihr Wunsch, in Ihrem schönen Einzelzimmer sein zu können, weiterhin erfüllt wird.“
Zwei Wochen später, ohne dass ich Sie noch einmal besuchen durfte, erfuhr ich, dass Sie ganz friedlich gestorben sei, in ihrem Zimmer, so wie sie es wollte.
Obwohl es leider nur ein kurzes Kennenlernen war, sie wird mir in meinem weiteren Leben ein Vorbild bleiben, wie zufrieden und sogar gelassen, sie als alte Frau am Ende ihres Lebens sein konnte.
Ich hätte sie gerne noch viel gefragt.
Fragebogen
„Bevor ihr den Menschen predigt, wie sie sein sollen, zeigt es ihnen an Euch selbst.“
Fjodor Dostojewski, Schriftsteller, 1821-1881
Warum kann die Suche nach Vorbildern so ergiebig sein?
Wer waren in meinem bisherigen Leben meine Vorbilder? Verwandte, Freunde, verstorbene und/oder noch lebende bekannte Persönlichkeiten?
Welche Bücher, Gedichte, Lieder, Aphorismen, Bilder, haben mich in meinen verschiedenen Lebensphasen geprägt und begleitet?
Wer waren meine Vorbilder in der Kindheit?
Welche hatte ich in der Jugend?
Hatte ich für meine gesundheitlichen Themen Vorbilder bzw. Orientierung?
Wo und mit wem konnte ich mich bei Krankheiten, beim Trauern oder beim Älter-Werden beraten und identifizieren?