„Was man als Kind geliebt hat, bleibt im Herzen bis ins hohe Alter.“
Khalil Gibran (Dichter, 1883-1931)
Erinnerungen an früher, sind für mich auch deswegen so wichtig geworden, weil meine heutigen körperlichen sowie geistigen Einschränkungen, mich of schwach und hilflos sein lassen.
Meine heutigen Kindheitserinnerungen (ob sie tatsächlich der Wahrheit entsprechen, sind unwichtig). Sie sind mit positiven Gefühlen von Lebendigkeit, Lebensfreude, Selbstvertrauen und Neugierde verbunden, aber auch mit Versagensängsten, Einsamkeit und Hilflosigkeit.
Das bedeutet für mich, meine Erinnerungen sind eine Brücke zwischen meiner Vergangenheit und meiner Gegenwart.
Wenn heutige Besucher bei mir wahrnehmen, dass ich, trotz Behinderungen, noch immer mutig und strukturiert den Alltag bewältigen kann und oft meinen Humor wiedergefunden habe, nehme ich oft bei mir, Parallelen aus meiner Kindheit wahr.
Wenige vertraute Gegenstände aus meiner Kindheit, sind mir erhalten geblieben und sind Hilfsmittel, um mich zu erinnern. Bücher und kleine Geschenke lieber Menschen, aufgehoben in einer schönen alten Holzkiste, vermitteln mir Gefühle von Geborgenheit und schaffen damit für das heutige Leben positive Entspannung.


In diesen alten Sachen herumzukramen (die sonst nur nutzlos in der Schublade liegen), weckt Erinnerungen an wichtige Menschen, alte Spiele, frühere Wohnungen, Gerüche und Lieblingsessen. Heute tut es mir leid, dass ich, bedingt durch zahlreiche Umzüge, viel zu früh, vieles weggeworfen habe. Aber es war mir damals nicht wichtig.

Gefühle, die dadurch noch jetzt hochkommen, lösen sowohl Lebendigkeit, Lebensfreude als auch Trauer aus.
Bei der Vorstellung, irgendwann den Umzug ins Pflegeheim leisten zu müssen, beschleicht mich jetzt schon eine große Trauer, wenn ich denke, auf was ich dann alles verzichten muss.
Da ich zu meinem großen Glück von meinen Eltern, von ihrem allmählichen Älter-Werden, sehr viele Fotos habe, machte es mir Freude jeweils solche herauszusuchen, als sie 50, 60, 70 und 80 gewesen sind und zu erforschen, ob es zu meinem Leben Parallelen gibt.
Es gibt viele entspannende Erinnerungen mit den Eltern, beim gemeinsamen sonntäglichen Kaffeetrinken, mit dem wunderbaren Service der Großeltern und familliären-Gedöns-Geschichten.

Dazu passt heute noch ein Ausspruch des Lyrikers Novalis (1722-1801):
„Die Menschen gehen viel zu nachlässig mit ihren Erinnerungen um.“
Diese Erinnerungen gehören zu den bewussten. Die Psychoanalyse sagt ergänzend dazu, dass die unbewussten Erinnerungen oder verdrängten Gefühle, oft eher negativ sind und oft auch gar nicht wahrgenommen werden wollen.
Die Psychologie ergänzt heute, wer gute Erinnerungen an seine Kindheit hat, wird im Alter seltener depressiv werden.
Siehe: https://www.erziehungslehre.de/wie-wichtig-sind-Kindheitserinnerungen/
Darum kann es ein gutes Ritual sein, wenn es zum Beispiel in Ihrer Umgebung EIN ERZÄHLCAFE gibt, in dem man sich gemeinsam offen über seine Erinnerungen austauschen könnte. Nicht um die Kindheiten zu glorifizieren, sondern um die tatsächlich erlebten und ungeheuer vielschichtigen Erinnerungen zu mobilisieren. Diese sind entscheidend wichtig für unsere Identität und Zugehörigkeit.
Das wird in den kommenden persönlichen Erinnerungen deutlich:
„Als kleines Mädchen, habe ich viele Erinnerungen an Regenwetter. Ich quengelte so lange, bis meine Mutter mir endlich erlaubte hinauszugehen. Ich stapfte durch die Pfützen, egal wie nass ich davon wurde, hielt mein Gesicht in den Regen und war einfach nur glücklich. Der Absturz dieser guten Gefühle kam dann, wenn meine Mutter schimpfte, über die durchgeweichten Schuhe und die pitschnasse Kleidung. Heute verstehe ich, da es noch keine spezielle Regen-Bekleidung gab, hatte sie die Arbeit damit, bei dem beschränkten Platz in der Wohnung, die Sachen zum trocknen aufzuhängen.
Diese Regen-Erfahrung vermisse ich heute sehr, da ich definitiv bei Regen nicht rausfahre, denn passiv im Rolli sitzen, ohne Schirm pitschnass zu werden, ist nicht annähernd die Freude wie ich sie damals erlebte…“
„Mit dem Fahrrad den Berg heruntersausen, das erlebe ich nur noch im Traum, dort kann ich freihändig fahren und dabei laut singen. Meine Realität heute ist dagegen, sitzen auf dem Standfahrrad, ohne Wind und ohne Sonne, nach 20 Minuten erschöpft aufhören, aber doch ein wenig mit ähnlichen Gefühlen von Freiheit und Kraft wie damals…“, begleitet von meiner Lieblingsmusik aus dem IPad.“
„Das Spiel „Stadt-Land-Fluß“, mit den großen Geschwistern, machte ich zwar (widerwillig) mit. Es war aber immer sowohl mit den Gefühlen des Versagens als auch denen des Dazu-Gehörens verbunden und es endete oft mit Tränen, denn verloren hatte ich immer.“
„Das wiederholte sich sogar noch als Erzieherin im Kindergarten, wenn ich mit den Kindern Memory spielte. Das wird jeder Erwachsene kennen, da dabei immer Kinder gewinnen und wir Erwachsenen keine Chance haben.
Darum will ich mich, bis heute, immer noch nicht zum Kartenspiel zu den Nachbarn gehen.“
In Zukunft werde ich durch zahlreiche Kinderfotos noch unendliche Erinnerungen mobilisieren können, wenn ich mir dafür einmal die Zeit nehmen werde.