Selbst-Gespräche

„ Heute mache ich mir eine Freude und besuche mich selbst.“
KARL VALENTIN, Komiker, Volkssänger und Autor, 1882-1948

Für mich ist ein SELBST-GESPRÄCH, sprich Schreiben, ein lebendiger MONOLOG.
Mein Selbst-Gespräch hat den einen Vorteil, dass ich immer zu Wort komme.
Den zweiten, dass ich Muße habe, meine Gedanken in Ruhe fließen zu lassen. Es kommt dabei weder zu Unterbrechungen, mich ablenkenden Fragen, noch zu schnellen Vorschlägen anderer Mit-Menschen.
Das Selbst-Gespräch funktioniert bei mir deshalb so gut, es ist ein Vorteil des Allein-Lebens. Da ich oft zu wenig direkten sprachlichen Austausch habe, entdeckte ich für mich, nach meinem Schlaganfall, als Ersatz, das Schreiben. Dabei half mir das lesenswerte Buch von DORIS DÖRRIE: „Leben, Schreiben, Atmen“ (2019). Darin stellt sie die These auf: „Jeder kann schreiben“.
Sie schlägt mir vor, damit zu beginnen, täglich zehn Minuten das hinzuschreiben, was mir spontan einfällt, was ich wahrnehme und fühle. Und jeder, der es versucht, aber es vorher noch nie gemacht hat, wird erstaunt sein, was ihm so einfällt.

Ich habe zunächst meine Gedanken und TAG-TRÄUME mit dem Stift aufgeschrieben und übertrug sie später in das Tablet. Inzwischen spreche ich meine Gedanken, mit Hilfe des Mikrofons, auf das Tablet und es wird damit verschriftlicht. Ich glaube, meine Texte sind dadurch lebendiger und verständlicher geworden, außerdem ist das eine große Hilfe, da ich als Einhändige den Text nur mit einem Finger eingeben kann. Später korrigiere ich, beim mehrfachen Wieder-Durchlesen, sowohl meinen Sprachstil als auch den Inhalt und oft entsorge ich auch einen Text.
Manchmal schicke ich ihn zunächst auch an interessierte Menschen. Ich bekomme dadurch ein Feed-back, was sehr motivierend und hilfreich sein kann.
Neben der eigenen Reflexion, vielleicht kann ich Sie durch diesen Blog an meinen Gedanken teilnehmen lassen und sie (evtl. ganz nebenbei) ermutigen, selbst zu schreiben.
Zur weiteren Vertiefung dieses Themas, empfehle ich das sehr lesenswerte Buch des Lebenskunst-Philosophen WILHELM SCHMID, „Selbstfreundschaft, wie das Leben leichter wird“ (2018).
Ich zitiere dazu einige seiner Thesen/Fragen, die auch zu meinem Leben als Schlag-Anfall-Patientin passen:
Denn die freundliche Beziehung zu mir selbst, ist die Basis zur Gelassenheit und führt zu einer realistischen Einschätzung meiner aktuellen Lebenslage.
Ich frage mich öfter: ‚Was ist heute noch mein Traum, mein Lebensziel, was will ich (noch) erreichen?‘
‚Was sind meine Ängste, meine Traumata, die ich in mein Leben integrieren möchte?‘
‚Wie bekomme ich auch das Schöne wieder in mein Leben, zu dem ich vorbehaltlos JA sagen kann?‘
Beim Schreiben sitze ich am liebsten auf meinem Sonnenbalkon oder am Fenster, so dass ich, immer dann, wenn meine Gedanken nicht fließen, in die Wolken schauen kann. Diese WOLKENREISEN lenken mich nicht ab, sondern entspannen mich und bringen mir (meistens) neue Impulse.
TAGTRÄUME entstehen bei mir z. B. auch, wenn am blauen Himmel eine einzige weiße Wolke steht. Dann habe ich sofort eine immer wiederkehrende Phantasie: Ich liege im Bett, zugedeckt von Mama und fühle mich wohl und geborgen.
Bei Regen tagträume ich besonders gerne, da er für mich mit zahlreichen, positiven Kindheitserinnerungen verbunden ist. Ich sehe mich, das kleine Mädchen, begeistert durch Pfützen stapfen, nicht beachtend, dass die nassen Schuhe meiner Mutter später gar nicht gefallen werden.
Meine Rituale waren, so wie Pippi Langstrumpf, der Sachensucherin, die immer Ausschau hielt nach Geldstücken. Und da ich damals noch kein Taschengeld bekam, war diese SCHATZSUCHE manchmal sogar erfolgreich.
Nun ging ich mit meinen Gedanken ein wenig auf Wanderschaft. Ich hole mich jetzt zurück in meine Phantasien, warum mir das Selbst-Gespräch so sehr wichtig geworden ist.
Die kleinen Abenteuer, Erinnerungen, Visionen und das Weg-Denken aus der Gegenwart, sind generell nichts Schlechtes (das kursiert leider als ein Vorurteil). Ich meine, diese Gedanken führen mich, im Gegenteil, in meinem heutigen Leben zu kreativen Lösungen. Denn heute kann ich, ohne Zeitdruck, ohne Ziel, ohne Gewinn, meinen PHANTASIEN freien Lauf lassen. Es sind keine Schularbeiten, für die es Noten gibt, sondern ich erfahre, dass sich dadurch meine fehlende Balance wieder herstellen lässt. Ich nehme dabei auch wahr, dass ich mich heute oft auf eine Tätigkeit, wie NUR EIN GERÄUSCH HÖREN, konzentrieren kann.
Ich kann dann tatsächlich andere Geräusche WEGBEAMEN.
Ich wohne an einem Park, dort kann ich z. B. NUR EIN GERÄUSCH HÖREN, wie eine Vogelstimme, einen Specht, eine Ziege, eine Kirchenglocke und nicht die KAKOPHONIE der Großstadt. Ich brauche bei diesen Tätigkeiten auch keine Musik-oder Meeresrauschen-CD’s und vor allem kein Telefon. (Das kann ich nämlich vor dem Schreiben auch abschalten, das musste ich tatsächlich mühsam lernen.)
Unangemessene Geräusche wie Taubengegurre, Rasenmäher und Autolärm innerlich abzuschalten, fällt mir dagegen, ohne in Stress zu geraten, eindeutig schwerer.
Oder ich kann NUR DEN WIND SPÜREN, auch das ist mir eine liebgewordene Übung geworden. Das ist nur dann störend, wenn sich dadurch mein leichter Tinnitus zu Wort meldet. Oder ich kann NUR HINSEHEN, was z. B. Vögel an meinem Vogelhäuschen machen. Das wird mir nie langweilig und ich habe mich neulich sogar dabei erwischt, dass ich inzwischen mit ihnen rede…
Eine hochkomplexe Übung ist es also, NUR IM MOMENT SEIN. Auch das ist heute für mich eine neu erworbene Lebensqualität, seit sich mein Radius durch meine körperliche Behinderung deutlich verkleinert hat.
Eine weitere Veränderung: seit meinem Schlag-Anfall, fällt es mir leichter, MICH NUR MIT EINEM MENSCHEN ZU TREFFEN. Das erlebe ich insgesamt als stressfreier. Auch im Restaurant ist die Kommunikation mit nur einer Person entspannter und damit erfreulicher. Wohnungen oder die Parkbank, eignen sich für Einzel-Treffen besser, da dort störende Nebengeräusche wegfallen.
Schreiben ist für mich, besonders an schlechten Tagen, geeignet, da ich durch diese Aktivität die Leere und Einsamkeit reduzieren kann. Ich habe oft wahrgenommen, dass das Schreiben mir Lust auf Veränderungen machte.

Jammern über meine Einschränkungen, meine Defizite, meine fehlende Lebensqualität, kann ich unzensiert in meinen Text einfließen lassen und kann sie so den Mit-Menschen gegenüber reduzieren.
Da, bis heute mein innerer Stress anhält, obwohl ich fast nur noch in der Wohnung lebe, bleibt das SELBST-GESPRÄCH anhaltend mein Thema. Wenn ich innerhalb der Wohnung irgendetwas tun muss, zum Beispiel duschen, aber allein bin und merke, dass ich innerlich angespannt bin, habe ich mir eine Regelung überlegt:
Ich setze mich in Ruhe auf einen Stuhl und mache zunächst folgende Atemübung. Mit offenem Mund einatmen, bis vier zählen, die Luft anhalten, bis vier zählen, ausatmen und bis acht zählen, ca. acht Mal, dann wieder regelmäßig atmen. So komme ich innerlich zur Ruhe und kann dann entspannt duschen. Ich nehme jedes Mal wahr, dass ich keine Angst mehr habe zu stürzen.
Dieses Konzept habe ich inzwischen auch auf andere Bereiche ausgeweitet und hoffe, dass ich damit den nächsten Sturz vermeiden kann. (Es ist auch ein gutes Ritual für ein entspanntes Einschlafen.)
Wenn ich später darüber nachgedacht habe, warum ich gestürzt war, war ich sicher, das war immer in einer Situation geschehen, in der ich im Stress war, dies aber nicht früh genug bewusst wahrgenommen hatte.
Mir hilft mein SELBST-GESPRÄCH auch dann, wenn ich Konflikte mit anderen Menschen habe und mir im Nachhinein klar geworden ist, warum ich diesen Konflikt hatte. Zum Beispiel immer dann, wenn mich ein anderer vorschnell kritisierte und ich mich nicht genügend verstanden fühlte.
Dieses Zitat eines unbekannten Autoren las ich im Netz: „Ein Tagebuch schreiben, ist Fotografieren mit einem Bleistift“.
Ich habe mich, im Laufe meines Lebens, oft gefragt, warum ich Tagebuch geschrieben habe? Ich begann damit in meinem zwölften Lebensjahr und mache es bis heute, allerdings nur noch sporadisch. Ich weiß, dass meine Tagebuch-Eintragungen mein Mittel gegen das Vergessen sind. Sie helfen mir, meine Selbst-Beobachtung zu vertiefen, meine Bedürfnisse konkreter zu erkennen und meine Mit-Menschen und ihr Verhalten besser zu verstehen. Sie können mich dabei unterstützen, im MOMENT ZU LEBEN und die aktuellen Aktionen anzugehen und zu reflektieren und dadurch eventuell stressfreier zu leben.
Wann und ob ich überhaupt schreiben will, kann ich nur selbst herausfinden, morgens, mittags, abends, täglich oder in Abständen? ‚Schreibt es sich leichter, bei guter Laune oder hilft es mir bei einem Stimmungstief?‘
So könnte morgens meine Frage sein: ‚Das habe ich gestern nicht geschafft, was will ich mir heute vornehmen? Was möchte ich heute vertiefen?‘
Abends könnte ich mich fragen: ‚Wofür bin ich heute dankbar? Konnte ich mein selbst gestecktes Ziel, meinen Erfolg verstärken oder hatte ich mir für heute eventuell ein zu hohes Ziel vorgenommen?‘
Wenn ich negative Erlebnisse mit anderen Menschen hatte, könnte die Reflektion am Abend sein: ‚Was war mein Eigenanteil, was hätte ich selbst anders machen können?‘ Ohne Vorwurf, denn nur so lerne ich meine Zukunft besser gestalten und kann dadurch neue, kreative Ideen entwickeln.
Ich kann so vor allem täglich lernen, mich selbst (endlich) wichtiger zu nehmen.
So geschieht täglich etwas Anderes und Neues.
Ich habe für mich entdeckt (und die aktuelle Gehirnforschung bestätigt mir das), es wäre ein besseres Gehirnjogging als zum Beispiel nur Kreuzworträtsel oder Sudoku zu lesen. Und zu schreiben.

Jammern, dass alles nicht mehr geht, andere Menschen kritisieren oder im Selbstmitleid stecken bleiben, ist immer kontraproduktiv. All diese Aktionen verbessern meine Sprache und sind Mittel gegen Wortfindungsstörungen, besonders für mich als allein Lebende.
BEISPIEL: Neulich nahm ich mir, zehn meiner Ordner vor, mit der Idee meine uralten und zahlreichen Tagebücher, bereits jetzt zu entsorgen. Die Vorstellung, dass diese nach meinem Tod, von meinen Erben noch gelesen werden könnten, führten zu dieser Entscheidung. Denn ich hatte sie damals nur für mich geschrieben.
Die erste Aktion führte dazu mir, durch Amazon, einen guten Schredder zu kaufen. Die zweite, einige Texte, Liebesbriefe, Dankespostkarten u.ä., tatsächlich noch einmal zu lesen und mich von Seite zu Seite zu entscheiden: ‚Schreddern ja? Schreddern nein?‘
Dieser Aktion war mein Selbst-Gespräch voran gegangen, auch um Platz zu schaffen, mich von diesen Ordner zu trennen. Es war außerdem eine Entscheidung für MEIN LEBEN IN DER GEGENWART.
Für ERINNERUNGEN AN MEINE VERGANGENHEIT, FINDE ICH HEUTE FOTOS EHER GEEIGNET.
Um es hier zu verraten, es blieben am Ende, nach einer Woche lesen und schreddern, doch noch immer vier Ordner übrig.

2 Gedanken zu „Selbst-Gespräche

  1. Liebe Monika, du schreibst mir aus dem Herzen mit deinen „Selbstgesprächen“. – Ich finde mich seit zwei Tagen in der Situation, dass ich nach einem Sturz nur mühsam an Unterarmstützen laufen kann. Ich hoffe sehr, dass die Prellung, die ich am Oberschenkel habe, mich bald nicht mehr so schmerzt und übe mich daran, mich über alles zu freuen, was ich noch kann. – Deinen Blog lese ich gerne. Liebe Grüße
    Jutta

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