Nachtigall
Da ich das letzte Mal, im September, mit dem Elektro-Rollstuhl draußen war, startete ich mit dem Helfer nach draußen. Mein Ziel war hinter unserem Park der Wald.
Dieser wurde 1853 von dem Psychiater Heinrich Laehr mit Ahornbäumen angepflanzt, damit seine kranken Patienten, täglich zur Regeneration Spazierengehen konnten. Das Wegenetz umfasste damals 20 km. Bis heute ist der Allee-Charakter dieses Gartendenkmals noch deutlich zu erkennen.
Es ging erstaunlich gut, ohne Komplikationen, ich hatte nichts verlernt.
Im Netz las ich, dass Nachtigallen wieder nach Berlin zurückgekommen waren. Sie hatten den Winter in der Sahara verbracht. Und ich las, dass sie tatsächlich Standorttreu seien und dass sie eine monogame Saison-Ehe eingehen.
Übrigens, es sind die Männchen, 16cm groß, die 120 bis 260 unterschiedliche Strophen trällern können. Der Gesang ist ungewöhnlich vielseitig, umfangreich und sowohl klagend als auch sehnsüchtig, aber auch so laut, dass er in den verkehrsreichsten Straßen zu hören ist. Öl
Diese kleinen Forschungen im Netz, machen mir viel Freude und bereichern damit meinen Alltag.
Darum wollte ich bis zu dem Baum fahren, unter dem ich seit Jahren im Frühjahr die Nachtigall gehört hatte.
Und tatsächlich, um 13.00 Uhr, sie singen nicht nur in der Nacht, hörten wir dieses Natur-Wunder. Ich war sowohl gerührt als auch begeistert, dass sie mich nicht enttäuscht hatten.
Ich empfand Glücksgefühle, dass ich wieder so einen Ausflug machen konnte und dass wir hier noch immer dieses ungeheure Erbe von Heinrich Laehr antreten.
Auf dem Rückweg erfreute ich mich dann noch am blühenden Waldboden mit: Veilchen, Anemonen, Scharbockskraut, Lerchensporn und Bärlauch,
Zu Hause klickte ich dann im Netz Gedichte und Lieder zum Thema Nachtigall an und fand die beiden Gedichte von Joachim Ringelnatz:
Am Sachsenplatz, die Nachtigall (heute Brixplatz), 1930
Der große Vogel, 1933.
Dies war ein sehr gelungener Frühlings-Ausflug.

Elektro-Auto
Ich fuhr mit einer Freundin mit einem geliehenen Elektroauto aufs Land. Es war mein erster Ausflug, nach über einem Jahr, denn in dieser Zeit war ich nur in meiner Wohnung und im Park gewesen. Da es sehr windig war, bleiben wir im Auto sitzen und frühstückten. Dann wollten wir losfahren, aber das Auto wollte nicht. Mir wurde sofort ganz „plümerant“, sprich, bei mir kam sofort Panik auf, denn ich hatte keine Ahnung, was jetzt zu tun war. Denn wie bringt man ein Elektro-Auto dazu wieder anzuspringen?
Meine Freundin blieb ganz ruhig und rief das Büro der Autovermietung an. Der Mann, am Telefon, war ebenfalls ganz gelassen: „Ich sehe schon, was du gemacht hast, du hast die Wegfahrsperre angeklickt, bleib ganz ruhig. Ich ändere das für dich.“ Ich verstand überhaupt nichts, da ich keine Ahnung von dieser neuen Technik hatte und waren völlig fasziniert, dass sie nur ihre Chipkarte anlegen musste und wir konnten losfahren.
Danach bekamen wir beide einen totalen Lachanfall und dann erklärte sie mir die Welt der GPS-Technik, dass der Mann in der Firma uns ordern könne, obwohl er circa 20 km entfernt im Büro saß: George Orwell 1984…
Ich war sowohl sprachlos, fasziniert als auch geängstigt. Denn was macht diese Art der Kontrolle zum Beispiel mit dem Leben in einer Partnerschaft? Wenn man immer weiß, wo der andere sich gerade befindet. Wenn die Frau z B. gesagt hat, sie heute nach Hamburg gefahren. Er aber sieht auf dem Display, sie ist noch in Berlin? Für mich sind das völlig ungewohnte Lebensperspektiven, bedingt durch die neue Technik, die ich durch fehlende Informationen, bedingt durch den Schlaganfall noch nicht mitbekommen hatte. Was fehlt mir da noch insgesamt an diesem modernen Leben?
Dampferfahrt
Ich machte eine Dampferfahrt, gemeinsam mit einer Freundin. Dabei sahen wir auch ‚Gustav’, einen alten Ausflugsdampfer von 1908.



Wir gingen auf das Oberdeck, obwohl das für mich mit viel innerem Stress verbunden war. An diesem Tag waren aber alle Menschen fürsorglich und höflich. Ich kenne aber auch Drängler, die mich als behinderte Frau nicht genügend wahrnehmen und damit für mich immer die Gefahr besteht zu stürzen.
Richtig akzeptieren konnte ich an diesem Tag meinen Stress erst dann, als ich eine andere, schwer gehbehinderte, alte Dame beobachtete. Diese saß auf dem Oberdeck und wollte aussteigen. Sie humpelt bis zur Treppe. Dort drehte sie sich plötzlich um, setzte sich auf die oberste Stufe und rutschte, Stufe für Stufe, auf ihrem ‚Hintern’ die Treppe herunter. Sie lachte dabei und brachte andere Zuschauer dadurch auch zum Lachen und vor allem zu Rücksichtnahme und Geduld.
Meine innere Reaktion war: Wenn sie das so schaffen kann, muss ich doch aufhören mich zu beklagen, was ich alles nicht mehr kann. Trotzdem, ohne die liebevolle Begleitung durch meine Freundin, wäre so ein Ausflug noch unmöglich. Da stellt sich auch gar nicht die Frage, ob er sinnvoll war, sondern er war ein Mittel gegen depressive Verstimmung, erhöhte meine Lebensfreude und stärkte mein Selbstbewusstsein.
Ausflüge sind weiterhin stressig und müssen immer minutiös geplant werden, aber besser als nur frustriert, alleine zu Hause zu sitzen.
Kirschblüte
Und auch das war ein Abenteuer, welches ich nicht mehr alleine machen könnte.
Spontan bekam ich einen wunderbaren Frühlingsausflug geschenkt. Freunde fuhren mit mir, im Auto und dem Schiebe-Rollstuhl, in einen blühenden, mir bis dahin nicht bekannten, Lilienthal Park, da dort die japanischen Kirschbäume in voller Blüte standen.
1894 ließ Otto Lilienthal im Süden von Berlin einen Berg aufschütten, 60 Meter hoch, um dort seine selbstgemachten Flug-Objekte zu erproben. Dabei erlitt er einen Unfall, an dessen Folgen er 1896 starb.
Auf diesem Berg wurde zu seinen Ehren sowohl ein Denkmal errichtet als auch zahlreiche Japanische Kirschbäume gepflanzt und dieser Park war unser erstes Ziel.


Obwohl es nieseliges Wetter war, war es für mich ein besonderes Natur-Erlebnis, wenn man, wie ich kaum vor die Tür kommt.
Ein zweites Ziel war, dass ich Nachhilfestunden Für-Fotos-auf-meinem-IPhone-bekommen-sollte.
Hatte ich doch bis dahin keine Ahnung, was es bedeutete, mit SIRI zu kommunizieren und so musste ich lernen, dass, wenn ich mit dem iPHONE ein Foto machen möchte, es in die rechte Hand nehmen muss und sagen:
„Hey, Siri“
Kurze Pause
„Kamera“
Dann zeigt er das Kreis Bild unten rechts, an, auf Foto oder Video drücken. Linke Taste, an der Seite vom IPhone drücken.
Und schon kommt ein perfektes Foto sowohl im IPad als auch im iPhone.
Und das war es schon, meine Angst, ich verstehe diese neue Technik nicht, war total unbegründet.
Und ebenso leicht funktioniert es, wenn ich jemanden, dessen
Telefonnummer im IPhone gespeichert ist, DRINGEND anrufen will, um HILFE oder ein TAXI zu bekommen oder um einen TERMIN abzusagen.
„Hey, Siri“
Kurze Pause
„Taxi“.
Dafür muss jeweils nichts an- oder abgeschaltet werden.
Das war für mich ein wunderbarer Verwöhn-Tag, mit einem sehr besonderen
Natur-Erlebnis, gekoppelt mit der Erweiterung meines Technik-Wissens, um so in Zukunft durch viele Übungen noch mehr Unabhängigkeit zu erlangen.
Hier passt für mich, mal wieder, der Alt-Berliner-Ausdruck: „Eins rauf mit Mappe.“
„ Früher wurden die guten Schüler damit belohnt, vorne sitzen zu dürfen. Wenn jeman etwas gut gemacht hatte, durfte er sich mit der Federmappe in die vordere Reihe setzen. Die schlechten Schüler saßen somit hinten und die guten, ganz vorne am
Lehrerpult.“ (www.redensarten-Index.de)