Erste Zimmer-Reise
Angeregt durch das Drama der Corona-Infektionen, kam ich auf das Thema „Zimmerreise“.
Bereits 1794 schrieb Xavier de Maistre die Novelle „Reise um mein Zimmer“. Der Grund war, dass er nach einem Duell einen sechswöchigen Hausarrest bekam. Er verstand sein Schreiben gleichzeitig als eine kritische Auseinandersetzung gegen die damals aufkommende Reise-Mode.
1799 schrieb die Schriftstellerin Sophie von La Roche ihre Erzählung „Mein Schreibtisch“.
(Jetzt fand ich ergänzend aktuelle Texte zum Thema, siehe u.a. https://www.br.de/Kultur/index.html )
Viele von uns konnten über Monate kaum ihre Wohnungen verlassen. Dieses Thema ist aber bereits seit langer Zeit für behinderte und alte Menschen Realität. Eine Zimmerreise aber kann heute jeder erleben, z. B. bei einem Umzug oder einer Wohnungsauflösung eines wichtigen Menschen. Es wird auch eine Konfrontation mit unserer eigenen Familien-Geschichte oder die Entdeckung eines Geheimnisses sein.
Bei einer Zimmerreise haben wir zu den uns umgebenden Gegenständen wie Büchern, Briefen, Fotos, Erinnerungsgeschenken, keine Distanz mehr, sondern erleben u.U. „Wunder“, Überraschungen und viel Neues. Unsere Beobachtungsgabe kann uns dabei andere Alltagsphänomene und neue Wahrnehmungen aufzeigen.
Da es für uns behinderte Menschen evtl. dabei bleiben wird, dass wir weiterhin nicht mehr verreisen können, kann das Thema „Zimmerreise“ u. U. um so wichtiger sein.
Dazu zwei eigene Beispiele:
„Ich fand beim Aufräumen meiner Bücher, das Kinderbuch „Tuffi und die Schwebebahn“.

Da ich das Buch als Kind schon sehr geliebt und als Erzieherin jahrelang vorgelesen habe, war jetzt diese unverhoffte Wiederentdeckung ein wunderschönes Ereignis. Ich dachte damals immer, es sei ein Märchen.
Jetzt machte es mich neugierig, ob diese Geschichte tatsächlich so geschehen war, wie im Buch beschrieben. Ich stellte über Mr. Google erstaunt fest, ja, es stimmte tatsächlich.
Der Zirkus Althoff wollte, 1950, für sich werben. Darum sollte Tuffi, der kleine Elefant, mit der Wuppertaler Schwebebahn fahren. Der Einstieg klappte zwar, da aber der Wagen bereits überfüllt war, kletterte Tuffi in Panik auf einen Sitz, durchbrach eine Seitenwand und fiel, aus zehn Meter Höhe, in die Wupper, die aber zum Glück nur 50 cm tief war.
Trotz vieler Journalisten, kam es durch deren Panik zu keinen Fotos. Die bekannten Postkartenmotive sind also Fotomontagen.
Wegen „fahrlässiger“ Transportgefährdung und Körperverletzung, wurde der Zirkus zu einer Geldstrafe von 450 DM verurteilt, mit der Begründung, die Schwebebahn sei als Transportmittel für Elefanten ungeeignet.
Diese lustige „Zeitreise“ und das liebevoll gestaltete Kinderbuch, lösten bei mir weitere Erinnerungen aus.
Ich habe das Buch, selbst geboren in Wuppertal, wohl zu meinem 8. Geburtstag bekommen und ich erinnere mich, dass ich dadurch stark motiviert war, schnell endlich allein lesen zu lernen.
Beim weiteren Aufräumen fand ich auf meiner weiteren „Zimmerreise“ u.a. einen Bildband, der Bildhauerin Camille Claudel.
Ich hatte das Buch völlig vergessen und vertiefte mich sofort in ihre erstaunlichen Plastiken.
Da ich ihre Biografie bisher gar nicht kannte, suchte und fand ich als Ebook einen Roman über sie, mit dem Titel: „Die Bildhauerin, Mit Rodin begeht Camille Claudel neue Wege, doch ihre Liebe droht zu scheitern“. Ich fand auch den beeindruckenden Film: „Camille Claudel“.
Ihr Leben (1864-1943), als Geliebte und Kollegin des 24 Jahre älteren, verheirateten Bildhauers, Auguste Rodin, ist auch heute noch unbeschreiblich. Er wurde berühmt, sie wurde vergessen und erst durch den faszinierenden Film in den 80iger Jahren wiederentdeckt.
Die sehr schwierige und streitbelastete Liebesbeziehung dauerte ca. zehn Jahre. Sie trennte sich von ihm, enttäuscht und verzweifelt, weil sie ihren eigenen Weg gehen und aus seinem Schatten treten wollte.
Seit 1905 wurden bei ihr Wahnvorstellungen festgestellt und in diesen Phasen zerstörte sie selbst viele ihrer Werke. Vereinsamt und verarmt wurde sie mit 49 Jahren in die Psychiatrie eingeliefert, auf Grund der Entscheidung ihrer Mutter und ihres berühmten Schriftsteller-Bruders Paul.
Noch 30 Jahre lang lebte sie in verschiedenen Einrichtungen, ohne jemals neue Werke zu schaffen.
Heute werden dieselben Behauptungen aufgestellt, wie die, die sie selbst damals bereits gemacht hatte, erst sie habe Rodin weltberühmt gemacht.
Da sie mich inzwischen so sehr interessiert, werde ich demnächst die Biografie lesen von Anne Delbee „Der Kuß: Kunst und Leben der Camille Claudel“.
Ich stöberte im Netz und fand bei Kindle die Reihe:„Außergewöhnliche Frauen zwischen Aufbruch und Liebe“. Ich nehme mir jetzt verstärkt die Zeit, nach weiteren Frauen-Biografien zu forschen und lasse mich dabei treiben, was ich zufällig entdecke. Diese Bücher sind neben dem Schreiben mein zweites Standbein geworden.
Da ich beim weiteren Aufräumen viele wunderbare Bildbände fand, habe ich zunächst Bücher, die bisher in zwei Reihen hintereinander standen, entsorgt/verschenkt, um Platz zu schaffen. Die restlichen Bücher schob ich nach hinten, dadurch entstand vorne Platz, um zum Beispiel Bild-Bände als „Bildergalerie“ vor Augen zu haben. Diese wechselnden Ausstellungen waren bisher sowohl Fotobände, Kinder – und Kochbücher als auch Biografien.
Dieses Arrangement in meiner Wohnung motiviert mich anhaltend zum phantasieren, weiterlesen und -schreiben und damit zu neuen Zimmerreisen.
Zweite Zimmer-Reise

Viele Menschen fahren im Sommer in Urlaub. Da ich mir das derzeit immer noch nicht wieder zutraue, habe ich mich entschieden ein „Schmetterlings-Set“ zu bestellen. (https://www.hagemann.de/schmetterlinge-zuechten, Kostenpunkt ca 30:— Euro).
Denn, Schmetterlinge waren immer schon meine Lieblings-Insekten und dass ich sie zu Hause, unter Aufsicht, selber züchten kann, hatte ich bis dahin nicht gewusst.
Dazu muss man wissen, man sollte sieben Wochen lang nicht verreisen, denn die Raupen, später Puppen, später Schmetterlinge, wollen versorgt werden.
Im Paket waren fünf Raupen für eine Diestelfalterzucht. Dazu gab es einen konkreten Plan und eine Aufzucht-Voliere und es wird beschrieben, was in den nächsten Wochen zu tun ist.
Das Raupenstadium dauerte 7-10 Tage. In dieser Zeit hieß es Geduld haben und nichts berühren. Dann verpuppten sich die Raupen und wurden hart.
Nach weiteren 7-14 Tagen nahte endlich der Tag des Schlupfes. Und jetzt wurde es spannend. Drei Tage waren sie tiefschwarz und hingen an der Decke der Voliere.
Als der erste Schmetterling geschlüpft war, war ich gerade nicht zu Hause. Ich legte ihm eine Blüte hin, besprüht sie mit Zuckerwasser. Nach zwei Stunden, die Puppen waren nun dunkel gefärbt, waren auch die anderen vier geschlüpft. Zunächst waren sie noch steif, dann pumpten sie die Flügel auf, sonderten eine rote Flüssigkeit ab und konnten fliegen. Sehr beeindruckend.
Als Nahrungsergänzung legten ich ihnen jetzt täglich frische Orangenstückchen hin und erfreute mich sieben Tage lang an ihren eifrigen Flügen, bevor ich ihnen, an einem sonnigen Tag, die Voliere öffnete und sie frei ließ.
Um sie evtl. auf meinem Balkon noch zu beobachten, sprühte ich auf einige blühende Blumentöpfe nochmals Zuckerwasser, aber das schien ihnen nicht zu gefallen und so sah ich ihnen tatsächlich traurig hinterher, als sie sich entfernten.
Als alle ausgeflogen waren, gab es ein kleines Wunder, denn kaum waren sie weg (ohne sich noch mal umzusehen), kamen tatsächlich, das erste Mal in diesem Sommer, zwei Zitronenfalter angeflogen, als wollten sie mich über den Verlust meiner Wohngemeinschafts-Freunde hinwegtrösten.
Ergänzung:
Für mich als Einhänderin war die Versorgung schon erschwert, da ich den Reißverschluss, oben an der Decke der Voliere nur schwer alleine händeln konnte. Obwohl mein Helfer dort einen dünnen Draht anbrachte, den ich mit den Zähnen festhielt, wäre mir beim täglichen Füttern ein Schmetterling beinahe vorzeitig entflogen.
Und noch ein kleines Wunder, eine Woche nach ihrem Start, schaue ich nach dem Wetter und da hingen tatsächlich zwei meiner Distelfalter am Fliegengitter. Kann mir das jemand erklären?
Ein insgesamt wunderschönes Projekt, dass ich sicher im Frühjahr nochmals mit viel Freude wiederholen werde.
Und ich weiß jetzt schon, was demnächst, meine kleinen
Geburtstagsgeschenke sein werden:
Samenmischungen für Schmetterlings-Wiesen, zu bestellen bei: www.hagemann.de, NR. 80325.
Und im Frühjahr dann Raupennachbestellungen, Nr. 80017, für 19,90 Euro?