Logopädie oder Sprachtherapie

Ich bin mir sehr bewusst, dass hier eine mögliche Therapieform fehlt. Da ich selbst keine sprachlichen Defizite, keine Aphasie hatte, fühle ich mich für dieses Thema, obwohl es ebenfalls enorm wichtig ist, nicht kompetent.

Vielleicht mag darum ein Leser dieses Blogs, dieses Kapitel ergänzen?

2 Gedanken zu „Logopädie oder Sprachtherapie

  1. Liebe Frau Hoffmann, danke für Ihre sehr hilfreichen Artikel in denen Sie bisher unterschiedlichste Aspekte zum Schlaganfall, seinen Folgen und möglicher Rehabilitation vorstellen. Ich finde es auch würdigend, dass Sie das, was Sie nicht selbst erlebt haben, weiterreichen an andere Betroffene. Ich hatte im April 2011 einen Schlaganfall, mit Folge einer Aphasie. Diese massive Sprachstörung konnte ich erst viele Jahre mit Hilfe von Logopädinnen und Ergotherapeutinnen überwinden. Wie ich diese Störung in den ersten Wochen ganz praktisch erlebt habe, habe ich als Erinnerung später aufschreiben können. Als Kommentar zu Ihrem Blog-Beitrag Aphasie steuere ich hier ein Erfahrungstext von mir bei:

    Die Wurststulle (2012)

    In der Frühreha im Bett: liegen – liegen – liegen. Dann die ersten Minuten sitzen im Rollstuhl. Erst Genuss, dann Qual. Die Schwestern blieben unerbittlich.
    Als ich das erste Mal eine Stunde lang im Rollstuhl das Sitzen aushalten konnte, wurde ich morgens von einer Schwester über den Flur in den Aufenthaltsraum geschoben. „Ab heute können Sie hier zusammen mit den anderen frühstücken.“
    Sie stellte für mich eine Tasse mit Grießsuppe zurecht und eine Weißbrotscheibe mit Teewurst. Mein erstes festen Essen. Wie wunderbar. Und ich mag Teewurst.
    Am nächsten Morgen ließ ich mich erwartungsvoll wieder zum Frühstück schieben. Ich betrachtete meinen Nachbarn, der stumm neben mir im Rollstuhl saß.
    Die Schwester hantierte abseits an der Anrichte.
    Klatsch – und ich hatte ein kleingeschnittenes Leberwurstbrot auf dem Frühstücksteller. „Guten Appetit“!
    Ich mochte keine Leberwurst und schielte neidisch auf meinen Nachbarn, der ein Teewurstbrot auf den Teller bekam.
    Neu war am nächsten Morgen die Frage der Schwester „Was möchten Sie essen?“ Ich war über die Frage so verdattert und musste erst mal registrieren, was ich überhaupt gefragt worden war und was das für mich bedeutet. Bevor ich mit dem Denken fertig war, kam: klatsch – das kleingeschnittene Leberwurstbrot auf meinen Tisch.
    Na, ja.
    Mir wurde klar: Ich muss mich vorbereiten und gewappnet sein.
    Also habe ich geübt geübt geübt. Erst habe ich fast einen Tag lang darüber nachgedacht, wie die Wurst heißt, die ich gern esse. Wie hieß das Ding bloß? Ich habe mir Situationen auf den Abendbrottischen vorgestellt. Wie diese Wurst aussieht, wie sie schmeckt, wie sie riecht. Wann ich sie wo zum letzten Mal vor den Schlaganfällen gegessen habe. Als mir der Begriff „Teewurst“ endlich einfiel, konnte ich noch nicht schreiben, um diesen Namen festzuhalten und so zur richtigen Zeit parat zu haben. Also habe ich den ganzen Abend vor dem Einschlafen den Begriff „Teewurst“ wiederholt und immer wieder wiederholt – zwischendurch war der Begriff weg – ich habe ihn mir zurückgeholt und laut vor mich hin gesagt.
    Am nächsten Morgen war mein erster Gedanke: Wie heißt die Wurst, die ich zum Frühstück haben will? Es dauerte eine Weile, bis ich sie wieder hatte: „Teewurst“. Ich versuchte den Begriff wieder zu behalten.
    Dieses Üben wurde meine Dauerkonzentration. Und dann kam die Frage der Schwester: „Was möchten Sie essen?“ – Ich war vorbereitet – und doch: weg war mein Begriff. Ich wusste ihn nicht mehr. Einen kleinen Moment wartete die Schwester mit dem Messer und der Brotscheibe in der Hand, ich sah sie verzweifelt wortlos an – daraufhin strich sie Leberwurst auf die Stulle und schob mir energisch den fertigen Frühstücksteller vor meinen Rollstuhl. „Guten Appetit!“
    Ich aß die Leberwurststulle dann in dem Bewusstsein: Wie wunderbar, dass ich allein abbeißen und kauen und schlucken kann.
    Für den nächsten Morgen habe ich mir vorgenommen: Diesmal schaffe ich es, zur richtigen Zeit „Teewurst“ zu sagen. Wieder einen Tag lang üben. Wieder Konzentration Konzentration Konzentration. Dann hatte ich einen Einfall: Ich schob mich mit meinem Rollstuhl zum Schwestern-Beistelltisch, wo das Frühstück bereit lag. Ich suchte meine Teewurst und freute mich, sie zu sehen. Ich streckte meine Hand aus, um sie der Schwester, die gerade herauskam, zu zeigen. Sie sah mich an einer „verbotenen“ Stelle sitzen, nahm den Rollstuhl und schob mich energisch und etwas tadelnd zurück an meinen Tisch. Jetzt die strenge Frage „Was möchten Sie essen? Wieder Leberwurst?“ Weg war wieder mein so mühselig erarbeitetes Wort. Scheiße!
    Ich bekam Leberwurst auf meinen Teller. „Guten Appetit!“ – Weg war die Schwester.
    Am letzten Tag in der Frühreha war eine andere Schwester für das Frühstückmachen eingeteilt. „Was möchten Sie auf das Brot gemacht bekommen?“ Sie sah aufmerksam in mein verzweifeltes Gesicht. Dann schob sie mich mit dem Rollstuhl zu ihrem Schwesterntisch. „Zeigen Sie mir, was ich Ihnen auf das Brot schmieren soll!“ Sie wartete geduldig. Mit einem erleichterten Seufzer zeigte ich mit den Fingern, was ich wollte: Teewurst.
    Ich habe vor Glück fast geweint, als ich die Teewurststulle dann ganz andächtig und genüsslich gegessen habe.

    Hilfreich war beides für mich:
    Die Ungeduldigen und Bevormundenden haben dafür gesorgt, dass ich unbedingt zu meiner eigenen Sprache kommen wollte – ausdrücken wollte, was ich will. Sie haben mich veranlasst zu arbeiten, weiterzukommen. Irgendwie in Richtung Selbständigkeit zu gehen. Aber es war sehr anstrengend.
    Die Sensiblen haben meiner Seele unendlich gut getan – und mich mit Seufzern der Erleichterung ausatmen und durchatmen lassen. Ich wurde verstanden. Mein Gott – wie wundervoll!!! Sie haben mich hoffen lassen, dass es irgendwie gut wird – auch wenn es gar nicht so aussieht.

    Gabriele Weiß

    Gefällt 1 Person

  2. Nach meinen eigenen Erfahrungen habe ich nach dem 6. Jahr meines Schlaganfalls mit Aphasie, Wünsche an Familien und Freunde von Menschen mit Aphasie auf diese Weise formuliert:
    Am wichtigsten ist: Geduld – Geduld – Geduld…jede Frage – jede Handlung – braucht viel
    Zeit für den nötigen Denkprozess – für das Verstehen-lernen von Zusammenhängen = die von
    Aphasie-Betroffene können diese Gehirnleistung anfänglich noch nicht leisten und fühlen sich
    ständig überfordert.
    Auf die Erschöpfung der Betroffenen achten – für Pausen sorgen – schlafen lassen –
    Wasser trinken lassen! Reize gering halten.
    Abwarten = kein Aushelfen von Begriffen und Namen, warten, bis der Patient sie selbst
    findet – auch wenn es sehr lange dauert – keinen Druck machen – loben über jeden Erfolg –
    sich gemeinsam freuen.
    Es kann hilfreich sein, statt des direkten Wortes oder Begriffs für die Suche eine
    Umschreibung anzubieten: „als wir im Urlaub waren, haben wir am liebsten … gegessen.“
    Spielerisch mit der Wortsuche umgehen – wie beim Ostereiersuchen.
    „Eselsbrücken“ sollten von den Betroffenen selbst kommen. Diese können die Angehörigen – falls
    nötig – später zur Unterstützung der Wortfindung anwenden.
    Da die von Aphasie-Betroffenen anfangs die Verknüpfungen von Sinnzusammenhängen nicht
    erkennen und dadurch oft nicht verstehen, was von ihnen erwartet wird, ist wichtig, dass die
    Angehörigen sich fantasievoll einfühlen und dann aber vergewissern, ob verstanden wurde,
    worum es geht.
    Direkte Fragen überfordern häufig (und entmutigen).
    Die Angehörigen sollten aber nicht davon ausgehen, dass die Betroffenen alles verstanden
    haben und schon umsetzen können – selbst, wenn sie es sagen. Das Verstehen-können ist erst
    das Ergebnis eines langen Gesundungsprozesses.
    Wichtig ist Ruhe (unaufgeregt – auch wenn die Zeit drängt) – und die Körpersprache beachten.
    Die eigenen Begriffe mit Gesten unterstützen.
    Einerseits müssen die Angehörigen viel (= anfangs das meiste) an Aufgaben übernehmen –
    andererseits müssen sie den Betroffenen Raum geben, die eigenen Worte selbst zu finden und
    auszudrücken.
    Übernehmen und Raum-geben. An die Entwicklung glauben. Einen neuen Zeitbegriff
    lernen: langsam – lange –
    Wissen, dass Rückschläge beim Sprachvertändnis normal sind in diesem langen Prozess.
    (Zwei Schritte vor – ein Schritt zurück – geht auch vorwärts.)
    Die eigene Rolle klären! als Ehepartner, Tochter/Sohn sind Sie unverzichtbar für die von
    Aphasie-Betroffenen. Sie haben eine gemeinsame Lebens- und Liebes-Geschichte, die sie
    jetzt gemeinsam durchträgt. Als Vertrauteste haben Sie eine andere Aufgabe als die
    Therapeuten. Wiederstehen Sie der Versuchung, eine „Therapeuten-Rolle“ übernehmen zu
    wollen. Bleiben Sie Angehörige aber in enger Abstimmung mit den Logotherapeuten.

    Beitrag zur Informationsreihe „Schlaganfall“ der Berliner Schlaganfallallianz
    2017 Gabriele Weiß

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse einen Kommentar