„Zuhause ist da, wo man dich wieder aufnimmt,
auch wenn du mal etwas falsch gemacht hast.“
Christian Morgenstern, Dichter, 1871-1914
Es werden große Unterschiede gemacht, aber eine einheitliche Definition des Begriffes HEIMAT gibt es nicht. Zum Beispiel sagt der eine: „Heimat ist dort, wo ich geboren worden bin, Heimat ist mein Vater-Land oder es ist meine Mutter-Sprache“. Der andere sagt: „Es sind die Menschen, die mich umgeben, es ist der Wohnort, die Landschaft, es ist die frühere und/oder die heutige Lebenswelt.“
WAS IST HEIMAT FÜR MICH?
Schon lange Jahre beschäftigte mich diese Frage: Durch zahlreiche Umzüge in Kindheit und Jugend, hatte ich DEN einen Heimatort nicht. Ich habe andere darum immer sehr beneidet.
Heute weiß ich, ich bin erst jetzt, im Alter, in meiner Heimat angekommen. Das erste Mal habe ich allein meine Wohnung, meine Umgebung, alles, wirklich alles bewusst so gestaltet, wie es heute für mich und meine diversen Einschränkungen richtig ist.

Hier muß ich keine Rücksicht mehr nehmen, auf den Geschmack und/oder die Bedürfnisse von Mitbewohnern, Partnern, Kindern oder Besuchern.
Alles, was in dieser Wohnung gestaltet ist, habe ich alleine entschieden. Die Wohnung ist deutlich geprägt von den wunderschönen, alten Möbeln meiner Vorfahren. Das ist heute nur noch meine Entscheidung, dass sie mich hier umgeben. Ich fühle mich mit ihnen geborgen und würde nichts anders haben wollen.
Es ist damit heute mein SICHERER ORT. Das ist ein Begriff aus der Traumatherapie, er besagt, dass man sich nach traumatischen Erfahrungen (und ein Schlag-Anfall ist ein Trauma), unbedingt einen sicheren Ort gestalten sollte. Dieser Ort gibt Geborgenheit, hilft bei sich Anzukommen und schafft damit eine stabile Identität.
Das Haus, in dem ich seit Jahren wohne, ein altes Krankenhaus von 1900, heute modernisiert, ist mein Stil. Hierher zu ziehen, war eine bewusste Entscheidung, kein Zufall oder dringende Notwendigkeit, wie es tatsächlich bei allen vorherigen Wohnungen war.
Es stört mich heute gar nicht, dass ich hier auf dem Gelände von ebenso alten, humpelnden oder im Rollstuhl sitzenden Menschen umgeben bin.
Obwohl ich früher immer vom Leben im Mehr-Generationen-Haus geträumt hatte, muss ich jetzt feststellen, dass die Tatsache, hier von ebenfalls gehandicapten Menschen umgeben zu sein, für mich eher erleichternd als belastend ist. Autofahrer, Radfahrer, (wenn sie im Park überhaupt vorkommen), fahren rücksichtsvoller, Hundebesitzer haben den Hund grundsätzlich an der Leine.
Aber auch ein Rolli-Fahrer kann einem, wie mir geschehen ist, hier gefährlich sein. Denn mich fuhr ein Mann im Elektrorollstuhl fast um, da er den Joy Stick falsch bediente. Denn wegspringen kann ich nicht mehr.
Ich wusste vorher, es gibt hier keine Läden in der Nähe, keine Cafés, keine Buchhandlung (damals mein wichtigstes Geschäft), keinen Friseur…Aber Lebensmittel durch einen Bringedienst zu bestellen, ist für mich durch Mail problemlos möglich, die Friseurin und Fußpflegerin machen Hausbesuche.
Die Häuser umgibt ein wunderschöner Park, mit alten Bäumen und direkt dahinter ist ein Wald. Es gibt einen Streichelzoo, Vögel und Eichhörnchen. Das ist tatsächlich das Niveau, was ich mir beim Älterwerden dringend gewünscht habe.

Eine Buchhandlung vermisse ich deswegen nicht, weil ich durch meine Einarmigkeit nur E-BOOKS lesen kann. Und ich kann mir jetzt, mitten in der Nacht, Lesestoff auf mein Tablet laden. Das ist ein großer Vorteil, denn dadurch bin ich unabhängig von jemandem, der für mich in die Buchhandlung gehen müsste.
Eine weitere Option, von der ich hoffe, dass ich sie noch lange nicht brauchen werde, ist der Fakt, dass es auf diesem Gelände Pflegehäuser gibt, falls ich pflegebedürftig werden sollte. In einem habe ich mich bereits angemeldet.
Trotzdem sorge ich täglich dafür, dass ich diese professionelle Hilfe noch lange nicht brauchen werde. Mir genügt derzeit eine Alltagsversorgung, finanziert durch die Pflegeversicherung, denn ich habe Pflegegrad 2.
Ich will so lange wie möglich in meiner wunderschönen Zwei-Zimmer-Süd-Balkon-Wohnung bleiben. Hier habe ich einen weiten Blick in Bäume und viel Himmel über mir. Allein leben, selbst kochen, autonom bleiben und jederzeit Besuch bekommen können, ist derzeit meine wichtigste Lebensqualität, ich hoffe bis zuletzt…
Ich freue mich täglich, bis hin zu Glücksgefühlen, über kleine Freiheiten, die ich habe. Denn nach vielen Jahrzehnten der Fürsorge für andere, kann ich heute zum Beispiel essen, wann und was ich will. Ich muss mich nicht mehr rechtfertigen, warum ich ausschließlich gesunde Ernährung brauche, ob ich Intervallfasten mache…
Mit wem, wie oft und wie ich Kontakt zu Mit-Menschen aufnehmen kann und will, ist mit keinem ein Streitpunkt.
Ich weiß aber auch, dass ich oft zu wenig Austausch, Unterstützung und Verstehen der Komplikationen im alltäglichen Leben habe.
Obwohl mein Radius durch meine körperlichen Einschränkungen, insgesamt sehr viel kleiner geworden ist, ist mein Vorteil, ich nehme jetzt Dinge im direkten Umfeld aufmerksamer und entspannter wahr. Ich registriere leichter, ob ich überfordert, gestresst oder zufrieden bin und woran das liegt.
Ich freue mich über Vögel, die mich täglich auf meinem Balkon besuchen.
Aktuell ärgere ich mich über ein Taubenpaar, dass sich auf meinem Balkon niederlassen will. Ich habe mir dafür sogar schon eine Wasserpistole besorgen lassen, die ich aber durch meine Einhändigkeit schlecht nutzen kann. Darum versuche ich sie jetzt mit aufgehängten CD’s zu vertreiben. Scheint zu funktionieren.
Ich achte sehr darauf, zu Verwandten und Freunden im Austausch zu bleiben, d.h. über Telefonate und Mails. Denn, durch die Zunahme der Hand-Arthrose, wird das Briefe-Schreiben inzwischen unleserlicher.
Ich freue mich, dass ich nach wie vor wöchentliche Hausbesuche von Ergo-und Physiotherapeuten bekomme, da diese neben meiner körperlichen Stabilisierung, kontinuierliche Ansprechpartner sind. Seit Jahren tragen sie dazu bei, dass ich noch große und kleine Fortschritte mache.
Mir ist aufgefallen, dass immer dann, wenn zu große Kontakt-Pausen entstehen, d.h. ich zu lange alleine bin, meine Sprachfähigkeit nachlässt und ich dazu neige, Wortfindungsstörungen zu haben.
Bekomme ich Besuch, nehme ich zunehmend wahr, dass ich oft zwei oder mehr Gedanken parallel äußern will, dabei aber einen Gedanken vergesse. Ich versuche selbst wahrzunehmen, dass mein Gegenüber gleichberechtigt zu Wort kommt. Diese Selbst-Beobachtung zu schulen, musste ich tatsächlich nach meinem Schlag-Anfall erst wieder neu lernen. Mir ist gleichzeitig bewusst geworden, dass ich heute viele Pausen brauche gut alleine sein kann, dass mir aber dieses Einerlei nicht langweilig wird, sondern im Gegenteil, Halt und Zufriedenheit gibt. Besonders auch dadurch, dass ich kontinuierlich mein SELBST-GESPRÄCH, sprich mein Tagebuch, führe.
Sehe ich abends fern, staune ich oft wie hektisch das Leben der normalen Menschen verläuft und ich bin froh, dass ich diese SPIELE nicht mehr mitmachen muss.
So begeistert, wie ich Jahrzehnte lang in verschiedenen Berufen tätig war, so begeistert bin ich jetzt NUR noch im Ruhestand zu leben, umgeben von meiner Heimat.
Denn Gehen im Park bedeutet heute, zufällig einen Nachbarn treffen und kürzer oder länger schwätzen. Neulich war es z. B. der Schwatz mit einer 100jährigen Dame. Diese war erstaunt von mir zu hören, dass sie für mich ein Vorbild ist. O-Ton: „Haben wir es nicht gut, dass wir hier wohnen dürfen?“ Dem kann ich nichts hinzufügen.