Da über dieses Thema viel Unwissenheit und Halbwahrheiten vorliegen, folgt hier eine kurze, theoretische Ausführung.
Ja, ein Schlaganfall ist eine psychische Ausnahmesituation, sprich ein Trauma. Ein Sturz, mit nachfolgenden psychischen und körperlichen Defiziten ist oft anhaltend ein unbewältigtes Ereignis.
Dieses Trauma geschieht oft unerwartet und damit bin ich immer wieder meiner Angst vor einem Kontrollverlust und Hilflosigkeitsgefühlen ausgesetzt. Meine bisherige Welt stürzte zusammen und bewirkte bei mir extreme Stresssituationen. Ob dieses Erleben lange anhaltend ist oder bewältigt werden kann, hängt von der jeweiligen Persönlichkeit ab und den Umständen des Traumas.
Belastend ist das Wiedererleben des Traumas, das heißt FLASHBACK. Das kann zu unterschiedlichen Reaktionen führen, wie Albträumen, erhöhtem Puls und Blutdruck, Schlafstörungen, Depressionen, Aggressionen, Lernstörungen, Sprachdefiziten und/oder posttraumatischen Belastungsstörungen.
Jeder Mensch wird darauf unterschiedlich reagieren, der eine möchte anhaltend darüber reden, der andere versucht das Geschehene zu verdrängen, aber beides sind normale Reaktionen auf dieses ungewöhnliche Ereignis.
Kommentar eines Patienten in der Reha: „Es war schrecklich, aber ich habe es überstanden und blicke wieder in die Zukunft.“ Es wäre wunderbar, wenn man sich diese Haltung erarbeiten könnte. Es bedarf dazu aber auch oft dringend professioneller Hilfe, durch Krisen-Intervention oder Trauma-Therapie. (Adressen durch die Krankenkasse, den Hauarzt, das Internet oder Beratungsstellen.)
EIGENES ERLEBEN
Meine Erfahrungen sind, dass Mit-Menschen mit ihren schnellen, ungefragten Erklärungssprüchen keine Hilfe sind. Diese unprofessionellen Kommentare wie: „Du musst keine Angst haben wieder zu fallen,“ sind insgesamt kontraproduktiv und damit weder hilfreich noch beruhigend. Ich habe mich dabei oft nur alleingelassen und unverstanden gefühlt. Ich weiß heute, dass Menschen, die selbst niemals ein derartiges Erlebnis hatten, sich vermutlich nicht genügend einfühlen können.
Da ich bereits in der Wohnung mehrfach gestürzt war, habe ich anschließend sehr sorgfältig alles an die Seite geräumt, was zum weiteren Sturz führen könnte. Denn einmal stürzte ich über einen Schuh, der auf dem Boden lag, einmal rutschte ich auf einer Wasser-Pfütze aus und einmal war ich zu hektisch und stolperte dadurch über die Toilettenbürste bzw. den Staubsauger.
Angst-Faktoren, außerhalb der Wohnung, sind für mich unaufmerksame Mit-Menschen, die plötzlich auf dem Bürgersteig stehen bleiben oder mich mit ihrem Rucksack anrempeln, zu nahe an mir vorbei gehen und mich dadurch verunsichern.
Eine vielfach verbreitete Unsitte, erlebe ich, wenn man mich von hinten anspricht oder anfasst. Die Menschen ahnen ja nicht, dass das sofort bei mir eine extreme Angst auslöst, hinzufallen.
Ich verstehe inzwischen sehr gut, dass körperlich behinderte Menschen schon früh vom Stock zum Rollator oder Rollstuhl wechseln, weil sie sich damit unterwegs sicherer fühlen und so im Straßenverkehr und auf dem Bürgersteig von anderen Menschen insgesamt besser wahrgenommen werden. Ich weiß noch meinen eigenen Kommentar, als ich das erste Mal auf einem Sommerfest mit meinem Rollator unterwegs war: „Jetzt müssen die anderen vor mir Angst haben, dass ich eventuell sie anfahren könnte.“
ALBTRAUM IN DER NACHT
Ich hatte wiederholt wechselnden Blutdruck, von zu hoch bis zu niedrig. Dadurch entwickelte ich eines nachts tatsächlich eine Panikattacke, die ich bei mir bisher nicht kannte.
Sechs Mal stand ich auf, um sowohl meinen Blutdruck zu messen als auch für einen evtl. Krankenhausaufenthalt meinen Koffer zu ergänzen.
Ich kam nicht zur Ruhe, hatte gruselige belastende Tagträume, bezüglich meines bevorstehenden Älter-Werdens, weiterer Krankheiten, Angst vor Abschieden lieber Menschen und, und, und.
Atemübungen, Meeresrauschen und klassische Musik auf dem IPad – in dieser Nacht half nichts.
Früher habe ich in schlaflosen Nächten immer Märchen gelesen.
Dann fiel mir ein, dass ich das doch wieder ausprobieren könnte. Ich hatte aber nur Papier-Bücher als Märchenliteratur am Bett. Ich holte sie gar nicht erst, weil ich wusste, ich kann, durch meine Einhändigkeit, im Bett ein Buch gar nicht halten…
In dieser Nacht hatte ich keine gute Idee, wie ich zur Ruhe kommen könnte.
Aber am nächsten Tag habe ich mir Märchenbücher bei „kindle umsonst“ heruntergeladen. Ich fand tatsächlich jeweils drei Bände sowohl von den Gebrüdern Grimm, Wilhelm Hauff als auch Hans Christian Andersen. Große Schätze insgesamt.
Diese gute Idee wird mich wahrscheinlich davor bewahren weitere NACHT-ABENTEUER zu erleben. Ich hoffe, dass es noch immer funktioniert, dass Märchen, die ich so gut kenne, mir in Zukunft helfen, abzuschalten, zu entspannen und wieder zur Ruhe zu kommen.
Allein die Tatsache, dass ich zu diesem Thema wieder MEINEN Weg gefunden habe, hat am nächsten Tag bewirkt, dass ich eine bessere Stimmung bekommen habe. Für weitere GRUSELNÄCHTE suchte und fand ich zusätzlich bei YouTube viele, viele Videos, alle umsonst, mit Entspannungsmusik, Geschichten, Vogelgezwitscher, geführten Phantasie-Reisen und Meditationsübungen.