„Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.“
Franz Kafka, Schriftsteller, 1883-1924
Ich stelle mir immer wieder die Frage, ist der Grund meiner zunehmenden Defizite die Folge des Schlag-Anfalls oder nur das Älter-Werden oder beides?
Darum lohnte es sich für mich, bei MICHAEL NEHL, in seinem Buch , „ALZHEIMER IST HEILBAR“ nachzulesen, welche vier Punkte im Alter zu beachten sind:
- Gesunde Ernährung
- Bewegung
- Beziehung
- SICH IMMER WIEDER NEUEN HERAUSFORDERUNGEN STELLEN.
Obwohl auf einen Schlag-Anfall alle vier Punkte zutreffen, gehe ich hier nur auf Punkt 4 ein.
Denn durch diese Erkenntnis, bekam ich selbst wieder eine positivere Einstellung zum Thema Alltag.
Er schreibt, dass nicht nur der immer gleiche tägliche Ablauf richtig sei, sondern auch die Bereitschaft anhaltende Veränderungen in den Alltag einzubauen.
Das begann damit, dass ich das Besteck im Kasten immer mal wieder anders einsortierte, um mein Gehirn zu schulen und dabei erstaunt feststellte, dass es heute tatsächlich einige Tage dauern konnte, das Neue wahrzunehmen.
Im Park offen dafür zu sein, mit einem bisher fremden Menschen in ein kurzes Gespräch zu kommen.
Traf ich früher im Park einen Nachbarn, hatte ich keine Zeit zum schwätzen, da ich noch einen beruflichen Termin hatte. Eine Nachbarin gab mir damals den Spitznamen: „Die, die immer auf der Flucht ist.“
Kommt mir dort heute ein Mensch entgegen, grüße ich freundlich, sage einige Worte und daraus haben sich auch wiederholt längere Gespräche ergeben.
Wenn mich jemand im Park freundlich anspricht, den ich noch nie gesehen habe und er sagt: „—Mir ist aufgefallen, sie gehen manchmal nur mit dem Stock unterm Arm,“ so freut mich das heute sehr. Das empfinde ich nicht mehr als bedrängend wie früher, sondern als bereichernd und entspannend.
Ich gebe aber auch gerne zu, es gibt Nachbarn, die ich nur grüße, aber selbst kein Bedürfnis auf einen weiteren Austausch habe, da sie entweder nur jammern oder unfreundlich sind.
Mit Freunden/Nachbarn sich auszutauschen ist sehr vielschichtig machbar, aber um sich nicht Nur über Krankheiten, Ärzte, fehlende Besuche von Familienangehörigen auszutauschen, schlage ich gerne weitere Themen vor, wie:
- Interesse zeigen, an deren Biografie
- Sich vom Berufsleben erzählen lassen
- Bewältigung des Alltags beobachten bzw. erfragen oder, oder, oder.
Ich lebte z. B. schon viele Jahr im selben Haus wie eine alte Dame, als sie zufällig erwähnte, dass sie mit ihrem Mann zehn Jahre in Schweden gelebt hatte. Sie war dann sehr erstaunt, als ich in späteren Gesprächen neugierig geworden war, mehr über diese Zeit zu erfahren und so hatten wir weiterhin guten Gesprächsstoff.
Beim allmählichen Älter-Werden hatte ich lange Zeit die Vision, Themenkreise mit anderen interessierten Nachbarn anzubieten. Ich stellte mir damals vor, dass ich selbst oder wir uns gegenseitig über unser gelebtes Leben befragen könnten. Meine Fantasien gingen soweit, dass ich mir vorstellen konnte, diese Geschichten aufzuschreiben oder sie sogar zu veröffentlichen. Denn diese Generation, die derzeit in Senioreneinrichtungen lebt, hat viel erlebt, erlitten, aber auch kreativ Neues geschaffen. Jedes Leben ist einzigartig und würde sich lohnen, auf diese Weise erhalten zu werden.
Aber mein Schlaganfall bewirkte, dass ich diese Vision nicht mehr umsetzen konnte.
EINE GUTE ERNNERUNG:
In meinem Berufsleben hatte ich ein Gespräch mit einer alten Dame, 85 Jahre alt, und deren 60 jähriger Tochter. Sie waren zur Beratung gekommen, weil sie sich tagtäglich stritten. Ich fragte die alte Dame nach der Vertreibung aus ihrer Heimat, und es war als sei es gestern gewesen, so lebhaft sprudelten ihre Erinnerungen. Die Tochter begann zu weinen und warf der Mutter vor: „Das hast du mir aber so noch nie erzählt.“ Darauf die Mutter, aggressiv: „Und du hast mich auch noch nie danach gefragt“.
Nach langem betroffenem Schweigen auf beiden Seiten, regte ich weitere Fortsetzungsgespräche zwischen ihnen an. Sie nahmen diese Idee an und zum eigenen Erstaunen konnten sie dies gemeinsam noch gut umsetzen, bis zum Tod der alten Dame. Da die Tochter davon Aufnahmen mit dem Kassettenrekorder gemacht hatte, durfte ich mir diese berührenden Erinnerungen später anhören. Die Tochter berichtete außerdem, dass die beiden sich dadurch wieder „angefreundet“ hätten und sich jetzt, am Ende des Lebens der Mutter, immer gefreut hätten, sich friedlich zu treffen.
Ich bin heute sehr zufrieden, dass ich selbst unsere Eltern motivieren konnte, ihr Leben, wenn auch nur für ihre Söhne, Töchter und Enkel aufzuschreiben.
Mir ist bewusst, dass Älter-Werden mit anderen Menschen bedeutet, dass Beziehungen sich verändern werden.
Klassische Vorwürfe könnten evtl sein:
„Das hast du mir schon mal erzählt“.
„Du hast den Termin vergessen.“
„Du sagst Termine immer wieder ab, weil du nicht gut planen kannst.“
Nähe und Distanz müssten oft neu verhandelt werden, denn auch die anderen werden älter, kränker und damit u. U. hilfsbedürftiger.
Gegenseitige Erwartungen verschieben sich.
Streitigkeiten nehmen vielleicht auch zu, bedingt durch das Auftreten von Schwerhörigkeit und Vergesslichkeit.
Empathie für die unterschiedliche Alltagsbewältigung des anderen nimmt evtl. ab.
Eifersucht wird unter Umständen deutlicher, zum Beispiel auf die privilegierte Situation des anderen, auf deren leichtere Finanzierung von Reisen…
Aber ich freue mich auch hin und wieder über so positive Kommentare wie:
„Ich habe unser letztes Treffen sehr genossen, diese intensiven
Gespräche sollten wir beibehalten. Dafür haben wir uns früher immer keine Zeit genommen. Da waren uns oft Theater- und Museumsbesuche wichtiger. Zahlreiche Fortbildungen am Wochenende und in den Ferien, waren dringender notwendig. Die Verschiebung von zu oft hektischen Außen-, zu entspannten Innenkontakten, gefallen mir heute gut, sie verschaffen mir Zufriedenheit.“
Es bedeutet jetzt auch, immer wieder Abschiednehmen müssen, von jahrzehntelang erworbenen Fähigkeiten, die aber jetzt zunehmend so nicht mehr machbar sind.
Aber es könnte vielleicht auch gelingen, andere neu zu entwickeln und zu entdecken, das könnte ein spannendes Projekt werden.
Viele von uns mussten nach dem Schlaganfall Abschied-Nehmen von der lieb gewordenen Wohnung, da aufgrund der Behinderungen jetzt andere Bedingungen notwendig geworden sind. Das bedeutet oft auch von gewohnten Nachbarschaftsbeziehungen Abschied zu nehmen und den Mut zu haben neue zu beginnen.
Ein Umzug kann auch bedeuten, sich insgesamt neue Ärzte suchen zu müssen und wie kompliziert das heute ist, habe ich im Kapitel „Arztsuche heutzutage“ ausführlicher beschrieben.
Heute können Vorteile des Älter-Werdens u. a. auch sein:
- Sich täglich bewusst machen, was noch machbar ist
- Sich insgesamt für Alles mehr Zeit nehmen,
- Egoistischer sein dürfen,
- Sich Etwas gönnen, was früher nie machbar war: z. B. Aufstehen, wann ich will, lesen solange ich will, essen, was ich will…
- Die Heizung einstellen, wie ich will.
- Den Fernsehfilm ausstellen, weil ich ihn nicht interessant finde…