Zehnter „Geburtstag“, Bestandsaufnahme

„Denke nicht so oft an das, was dir fehlt, sondern an das, was du hast.“

Marc Aurel, Römischer Kaiser, 121-180 n. Chr.

Dem Satz kann ich nur zustimmen. Ja, ich kann nicht mehr länger gehen, aber aufgestützt auf den Stock, ist es noch machbar.

Ja, ich kann keine Radtouren mehr machen, aber fahren auf dem Standfahrrad ist wieder möglich.

Diesen Jahrestag nahm ich zum Anlass, ernsthaft meinen Blog zu beginnen.

Denn schon sehr lange, trieben mich die Fragen um, wo und wie bekommen sowohl Schlag-Anfall-Patienten als auch deren Angehörige, neue Ideen und sachliche Informationen, auch noch Jahre nach dem Drama?

Wo bekommen Sie heute, selbst dann, wenn Sie noch immer zu Hause wohnen können, andere Impulse her?

Seit ich schreibe, was aber eher einsam ist, tut mir das so gut, dass sich seitdem meine gesamte Stimmungslage verbessert hat. Darum meine Frage, ob ich Sie evtl., bereits mit dem heutigen Lesen und vielleicht bald mit dem vorsichtigen Mit-Schreiben, anstecken kann?

Vor gar nicht so langer Zeit, hat man solchen Patienten wie wir es sind weder eine Früh-Rehabilitation noch eine evtl. Langzeit-Reha, (mit Physio- Ergo- und Sprachtherapie) angeboten. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was das bedeutet hat, keine Mobilisation, keine Angebote, keine Versuche der Kommunikation zu bekommen, sondern nur gepflegt zu werden.

Ich weiß natürlich, das Leben nach einem Schlag-Anfall, wird sich schlagartig total verändern und es dauert oft lange (oder gelingt vielleicht auch nie) zu lernen, das zu akzeptieren.

Ich hoffe, ich werde Ihnen hier in Zukunft vermitteln können, dass das Leben zwar anders, aber doch auch punktuell noch lebenswert werden kann. Es bleibt kompliziert und oft verlieren wir die Motivation und noch öfter den Humor.

Klar, meine Anregungen sind keineswegs vollständig und darum freue ich mich darauf, wenn Sie mir Ihre weitergeben würden.

Wenn Sie alleine leben, aber stundenweise (zwei, drei Mal in der Woche, bei Pflegestufe 2) eine professionelle Haushaltshilfe haben (durch einen ambulanten Betreuungsdienst, finanziert von der Pflegeversicherung) oder vielleicht haben Sie auch, rund um die Uhr, einen liebevollen Menschen an Ihrer Seite, der Sie sowohl bei allen Defiziten als auch emotional unterstützt, können sie evtl. in Ihrer vertrauten Wohnung bleiben?

Das sind jeweils andere Herausforderungen, generell bedeutet es aber, vieles muss neu organisiert werden.

Es ist nicht egal, ob ich mir bereits einfühlsame Ärzte, Therapeuten, Friseurinnnen, Fußpflegerinnen suchen konnte, die mich, auch noch nach zehn Jahren, aufbauend und herausfordernd begleiten. Denn sollten diese unfreundlich, nörgelnd, besser-wisserisch mit mir umgehen, tun sie mir nicht gut und ich darf, mich dann auch von ihnen trennen.

Ich kann durch meine Reflexion dazu beitragen, dass es sowohl mir selbst als auch meinen Helfern gelingt, dass wir gut miteinander kommunizieren.

Ich weiß natürlich um meine eigenen zahlreichen Konfliktstellen, Katastrophen, Wein-Anfälle und Hilflosigkeits-Arien, aber ich kann mich auch freuen über meine großen und kleinen Fortschritte, meine kreativen, neuen Ideen, die mir das Leben wieder lebenswerter machen, trotz körperlicher- und psychischer Einschränkungen.

WAS ABER GEHT HEUTE BEI MIR GAR NICHT MEHR?

Alleine einkaufen gehen und Marktbesuche

Längere Spaziergänge

Radfahren

Restaurantbesuche

Besuche bei Freunden, ohne Fahrstuhl

Kulturelle Veranstaltungen

Ausflüge, Reisen, nur mit anderen im Schiebe- oder Elektrorollstuhl

Chorreisen

Streitgespräche

WAS WÜNSCHE ICH MIR HEUTE?

Langsamer werden und noch aktiv sein können

Neugierig bleiben

Nähe und Distanz zu anderen Menschen bewusst gestalten

Veränderungen durch eigene Krankheit und Abschiede, neu aufnehmen

Austausch über gemeinsames Älter-Werden und den Wert Alleine-sein-zu-Können neu entdecken

Lesen und Schreiben

OFFENE FRAGEN!

Wo lasse ich meine Wut?

Wie vermeide ich unnötigen Stress?

Arbeiten an falschen Erwartungen gegenüber anderen?

Thema Eifersucht, berechtigt oder überflüssig?

Humor, wie wieder erlangen?

Wie überwinde ich meinen „inneren Schweinehund“, um Bewegungsübungen kontinuierlich zu schaffen?

Und auch heute gilt noch der folgende Ausspruch des römischen

Philosophen Cicero, 106-43 vor Christus: „Fange nie an aufzuhören, höre nie auf anzufangen.“ Oder anders ausgedrückt, wie eine türkische Bettnachbarin mir beim Abschied im Krankenhaus sagte: „Wird schon wieder“.

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