
Aus dem Entlassungsbericht der Stroke-Klinik:
„Plötzlich aufgetretene PARESE (Teilausfall) der linken Seite, sowie SOMNOLENZ (Benommenheit). Es besteht ein MNESTISCHES DEFIZIT (Gedächtnisstörung) und ein linksseitiger NEGLECT (Wahrnehmungsstörung).
Sie berichtete, zwei Tage vorher habe sie massiv Nasenbluten gehabt, welches sie sonst nicht kenne. Vor vier Wochen sei es aufgrund einer DIVERTIKULITIS (Darmentzündung) zu einer SIGMARESEKTION (operative Entfernung eines Teils des Dickdarms) gekommen.
Die Patientin nahm keine Medikamente und lebte bis zum Ereignis in Selbstversorgung zu Hause.“
Eine Freundin übernahm es, sofort mittels E-Mail, meine Bezugspersonen zu informieren, was ich als ungeheure Entlastung empfand.
Ich merkte sehr schnell, dass hier fast alle Patienten viel schlechter dran waren als ich, da sie oft weder sprechen, schlucken noch verstehen konnten und verwirrt waren.
Und ich begann zu ahnen, welche lange Wanderung ich noch vor mir haben würde.
Ich verstand jetzt erstmals, dass ich nichts auf der linken Seite wahrnahm. Ich konnte darum viele Tests und Aufgaben gar nicht erfüllen. Ich konnte z. B. keine Uhr malen, einer der klassischen Tests. Ich konnte Bausteine nicht nach Farbe und Größe sortieren.
Ich konnte zwar, im Gegensatz zu den meisten Mitpatienten, alleine essen, verstand aber nicht, da mein Mund noch schief war, warum mir das Essen aus dem Mund herausfiel.
Ein Therapeut erzählte mir ein Beispiel und versuchte mir damit den Neglect zu erklären, d.h. die jetzt noch fehlende Wahrnehmung auf einer Seite:
„Zwei meiner Patienten saßen sich am Tisch gegenüber und aßen, als der eine empört feststellte, sein Gegenüber habe Fleisch auf dem Teller, er aber nicht. Darauf der andere: „Und ich habe kein Gemüse.“ Erst als ich die Teller jeweils halb verdrehte, sahen sie, dass sie doch beides auf ihren Tellern hatten.“
Ich konnte lange nicht an der Bettkante sitzen, da ich die durch die Lähmung der linken Seite umfiel. Ich konnte weder alleine sitzen, stehen noch gehen. Ich versuchte sehr bald am Laptop zu schreiben und zu lesen, aber auch das ging zunächst gar nicht.
Meine Reaktion darauf war, totale Entmutigung und Hoffnungslosigkeit. Ich dachte, ich sei geistig behindert und müsse nach der Reha ins Pflegeheim.
Zahlreiche Therapien (pro Tag, sieben verschiedene), erforderten meine gesamten Kräfte, vor allem, da ich noch extrem unkonzentriert war:
Neuropsychologie,
Physiotherapie,
Ergotherapie,
Stehpult,
Radfahren, am Motomed
und, auf meinen speziellen Wunsch, Musiktherapie.
Dadurch machte ich zunächst für mich kaum wahrnehmbare, aber kleine Fortschritte.
Ich machte am Laptop zunächst alles, wirklich alles falsch. Aber es waren doch NUR Arbeitsblätter, so wie ich sie früher den Vorschulkindern gab. Das Versagen provozierte bei mir eine ungeheure (heimliche) Wut.
Meine Freunde kauften mir einen Kindle Book reader (später Tablet), da mir Zeitungen und Bücher durch die Einarmigkeit immer herunterfielen. Ich verstand die Benutzung, zum allgemeinen Erstaunen, sehr schnell und begann zunächst bekannte Lieder zu lesen und leise zu singen.
Ich begann Gedichte, die ich auswendig konnte, im Buch nachzulesen, es waren vor allem die von mir geliebten Gedichte von Mascha Kaleko.

Dabei nahm ich oft Wut wahr, weil ich noch nicht wieder verstanden hatte, grundsätzlich den Kopf nach links zu drehen, um den Satzanfang zu finden.
Dieses Üben half mir sehr, die extrem langen Wartezeiten im Flur zu nutzen und ich konnte mich dadurch gut in eine andere Welt
BEAMEN und so das ELEND um mich herum ausblenden.
Da ich kein Einzelzimmer hatte, waren die Nächte insgesamt ein Grauen. Meine demente Zimmernachbarin RANDALIERTE, natürlich nicht extra, um mich zu ärgern, das wusste ich schon. Entweder schnarchte sie, erbrach sich, schrie laut oder rief dauernd: MANNOMANN. Ich klingelte für sie, da ich Angst hatte, dass sie an ihrem Erbrochenen ersticken könnte. Spätestens beim dritten Klingeln wurde ich dafür von einer Schwester angeschrieen und danach kam sie gar nicht mehr.
AyyYyyYMein Versuch, mich am nächsten Morgen beim Pflegedienstleiter darüber zu beschweren, endete mit seinem Satz: „Ich kümmere mich darum.“
Nie wieder kam er darauf zurück und ich selbst war zu dem Zeitpunkt noch unfähig, mich weiter auseinanderzusetzen.
Und so sah zunächst eine eigene Mail aus:
„…Wie kommen die vielen fehler tzustnde? früher dhrieb ich blitzdnell, mit dem
Zeigefinger der rechten in de linken Hand, jetzt Burg mit rechts. Ws macht i8n meinem gehirn?
Wahrscheinlich häzzei ch d anridpressiva nivht absetzen dürfen Gefahr der antekung durch ndere ptient.n,nicht nur die Bronchitis ist anstekend, sondern auch Stimmungstief,schimpfen auf ärzte und chwestern.
Ich kann dem noch kum ets entgegensetzten, aber dafür keine Energien…“
Auf den Stationen herrschte ein spezieller Sprachgebrauch bei den Pflegekräften: „Warum will er nicht essen?“ oder: „Was macht er denn da?“, brüllte eine ungeduldige Schwester einen Patienten an, der mit seinem Rollstuhl immer im Kreis fuhr. Ich war empört, wollte ihm beistehen, konnte ich aber nicht. Ob sie selbst jemals versucht hat, mit einer Hand den Rollstuhl vorwärts zu bewegen? Da fährt man nämlich im Kreis. Und der Klassiker kommt nicht nur in Arztfilmen vor: „Wollen wir jetzt ins Bett gehen?“ Ob sie diesen Sprachgebrauch selbst bemerken? Vermutlich nicht. Ich konnte damals solche Sprüche nicht mit Humor nehmen, sondern fand sie extrem unempathisch.

Ich erfuhr eine ungeheure Entlastung durch Wochenendbesuche meiner Freunde, obwohl sie ca. 40 km entfernt wohnten.
Der Besuch eines Freundes, der mich mit acht verschiedenen Klangschalen bespielte, war hier das Highlight. Ich konnte die Klänge nicht nur hören, sondern die Schwingungen direkt auf meinem Körper spüren. Tatsächlich nahm ich in der linken Hand ein Kribbeln und Wärme wahr.
Etwas abenteuerlich war leider, dass dieses Experiment im Flur stattfinden musste, da es dafür keinen ruhigen Raum gab. (Als wir dass dann später, bei mir zu Hause, wiederholten, war die Erfahrung sehr viel intensiver und damit auch entspannender.)
Mit anderen Freunden machten wir eine neue Wohnungsplanung und erstellten Listen, was entsorgt werden musste, denn ich würde mit dem Rollstuhl nach Hause kommen. Ich fühlte mich, trotz der Hilfen, von allem total überfordert.
CHEFVISITE, nach vier Monaten, auf dem Flur: „Fassen sie mal ans linke Ohr!“ Konnte ich sofort. Er, an den Kollegen gewandt. „Sehen sie, sie hat keinen Neglect mehr.“ Eine hilfreiche und gründliche Diagnose, das meine ich aber zynisch, denn ich fühlte mich nicht ernst genommen und bekam, wieder einmal, keine Aufklärung über diese schwere Krankheit. Sie gingen weiter, ohne meine dringenden Fragen zu beantworten, z. B. die, ob ich am Kopf operiert werden müsse, wie man mir bei einer ersten Visite angedroht hatte. Mit meinen Ängsten blieb ich allein.

NACH DER FRÜH-REHA, wieder zu Haus
Als ich dann endlich, nach vier Monaten, wieder zu Hause in meiner eigenen Wohnung war, war mein größtes Glück, alleine sein zu können. Hier konnte ich meine Wut herauslassen, denn oft klappte vieles noch nicht. Hier konnte ich weinen, weil ich alleine war.
Viele Ausfälle nahm ich jetzt wahr, wenn ich aber etwas Neues machte, hatte ich noch starke Defizite. Ich konnte, den Anrufbeantworter nicht mehr abhören, konnte weder die Pillen richtig stecken noch im Netz etwas bestellen. Alles, alles musste ich jeweils zwei bis drei Mal mit einer Hilfe machen, dann wusste ich es wieder.
Die gute Nachricht als ich wieder zu Hause war:
Ich konnte zufrieden sein, über meine vielen Fortschritte,
Die schlechte: Ich war immer noch einarmig, nein eher einhändig und würde es vielleicht auch noch lange bleiben?
Die sehr gute Nachricht: Ich hatte liebevolle und professionelle Therapeuten, die zu mir nach Hause kamen
Die schlechte: Mein Körper hörte oft nicht auf sie…
Die ebenfalls sehr gute: Ich hatte vor allem aufbauende und geduldige Bezugspersonen.
Die schlechte: Ich war trotzdem oft einsam und vor allem ungeduldig.
Hier fiel mir darum das LEBENSMOTTO des Schweizer Pädagogen wieder ein: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“
Die gute Nachricht: Ich konnte denken und schreiben, mit dem IPad sowohl Zeitung als auch Bücher lesen.
Die schlechte: Ich brauchte weiterhin viel Hilfe.
Die gute, ich lebte allein in meiner schönen Wohnung.
Die schlechte: Die Bewältigung des Alltags dauerte täglich soooo lange.
Die sehr gute: Ich hatte wieder begonnen intensiv zu lesen, dank der genialen Technik.
Die schlechte, ich war dabei noch oft mit meiner Langsamkeit konfrontiert.
Das lesenswerte Buch von Sten Nadolny, mit dem Titel: „Entdeckung der Langsamkeit“, fiel mir wieder ein. Aber noch konnte ich sein dickes Buch bzw. so ein Kindle Buch nicht wieder lesen, wegen noch fehlender Konzentration.
Das Wort Geduld konnte ich nicht mehr hören. Es löste, von Besserwissern mir ungefragt übergestülpt, bis heute eine (heimliche) Welle von Wut aus: „Mensch, ihr könnt vielleicht schlau reden, weiß ich doch selbst, dass ich Multitasking nicht mehr leisten kann.“
Und dann begann ich wieder zu schreiben, angeregt durch die Teilnahme an einer Schreibwerkstatt, als Kompensation, da die körperliche Entwicklung nur schleppend voranging.
Und schon damals entstand die Idee einen Blog zu schreiben, die Umsetzung aber dauerte Jahre.