Veränderungen

Schlag-Anfall, ein Schicksal oder?

„Der Ziellose erleidet sein Schicksal, der Zielbewusste gestaltet es.“

Immanuel Kant, Philosoph, 1724-1804, 



Synonyme für das Thema Schicksal sind u.a.: Los, Bestimmung, Vorsehung, Kismet, Gottes Wille, Fakt, Glück und Pech sind Zufälle. Alles ist Vorher bestimmt.

Seit Jahrhunderten beschäftigten die Menschen, ob religiös, philosophisch oder psychologisch geprägt, die Fragen: „Haben wir einen freien Willen?“

Zum Thema gibt es im Netz unter Aphorismen 807 Zitate.

Der obige Ausspruch von Kant, gefällt mir deswegen so gut, beinhaltet er doch: Es wird im Leben jederzeit Etwas geschehen, aber wir sollten auch bereit sein, neue Wege einzuschlagen.

Ich lasse hier bewusst die Themen weg, die mit dem Sterben, dem „ewigen Leben“ oder der Wiedergeburt zu tun haben. Schon den Blick auf die Gegenwart der eigenen Schicksalsschläge zu lenken, ist hochkomplex und faszinierend und jeder wird andere Schlüsse daraus ziehen.

E i g e n e s  Leben

Die Frage, warum in meinem Leben etwas geschieht, hat mich tatsächlich in der Kindheit schon beschäftigt. 

Mir wurde gesagt: „Der liebe Gott sieht alles“, was ich immer extrem bedrohlich fand. Darum war ich mir damals auch sicher, wenn er mich immer beobachtet, dann wird  e r  doch auch entscheiden, wie mein Leben weitergeht.

Ich fragte mich: „Hat er vorherbestimmt, dass ich in dieser Familie aufwachse, im Westen oder im Osten von Deutschland wohne?“

Und später: „War es mein Los, dass ich in der Schule in einigen Fächern viele Jahre Fünfen und Sechsen schrieb und nicht Einsen und Zweien wie meine Freundin? War es eine höhere Macht, Gottes Wille, dass ich aber gut in Deutsch, Religion und Sport war?“

Ich habe mich nie getraut, anderen diese Fragen zu stellen.

Ich arrangierte mich mit meinen Schulproblemen bzw. gab heimlich den Lehrern die Schuld an meinem (teilweisen) Versagen. Ich selbst fühlte mich machtlos, da doch sowieso Alles vorher bestimmt war. Ich suchte keinen Ausweg, setzte keine Kraft in evtl. Veränderungen-das war auch bequemer.

Diese Haltung änderte sich erst durch einen Schulwechsel und damit verbundenen guten Kontakten zu mich hoch motivierenden Lehrern. Ich begann meine bisherige Haltung zu hinterfragen, mich auszuprobieren und Freude am Lernen zu bekommen.

Durch eine Einzel- und Gruppen-Psychotherapie, konnte ich zusätzlich meine bisherige schiefe Lerngeschichte sowohl verstehen als auch verändern.

Zurück zu meinem heutigen Thema, da ich mit 69 Jahren einen Schlaganfall erlitten habe. 

Sobald ich wieder klar denken konnte, nahm ich wahr, dass ich den Ärzten die Schuld daran zuschob. 

Erst als ich, nach Monaten in der Reha, wieder zu Hause war, begann ich reflektierter damit umzugehen und stellte mir die Frage, ob ich meinen Schlag-Anfall hätte vermeiden können, wenn ich durch Ärzte, Medien oder andere Menschen, vorher mehr Wissen erworben hätte? Wenn ich bei den ersten Anzeichen von Krankheitssymptomen fähig gewesen wäre, mein Leben, meinen (unnötigen?); Tablettenkonsum, meine Ernährung zu verändern?

Ich hatte Alarmsignale, einen Schlag-Anfall zu bekommen, nicht wahrgenommen. War ich zu bequem gewesen?

Oder hatte ich  n u r  Angst eine schreckliche Wahrheit zu erfahren? Ich war damals sowohl hilflos, dass mich keiner vorgewarnt hatte, als auch wütend, dass mich zwei Ärzte, in der Ersten-Hilfe, wegen starker Darmschmerzen, zur schnellen Operation überredet hatten. (Ich weiß heute, eine Zweit- oder Drittmeinung und gezielte andere Ernährung wäre die richtigere Lösung gewesen.)

Mir selbst hilft heute die Frage, wäre ich bei den ersten ungewohnten, neuen Geräuschen an meinem Auto nicht bereit gewesen, umgehend in die Werkstatt zu fahren und durch den Fachmann das Auto untersuchen und evtl. reparieren zu lassen?

Bleibe ich auch heute noch in der starren Haltung stecken, die mir ein anderer Patient, in der Reha sagte:

„Ich hatte schon vier Schlaganfälle, der fünfte ist sicher tödlich. Aber da kann  m a n  nichts mehr machen.“



Könnte er selbst es aber doch? Als ich dann sah, wie er sich bereits morgens zum Frühstück den Teller mit mehreren Fleischportionen auflud (nachdem wir gestern über die Folgen einer falschen Ernährung aufgeklärt worden waren), hatte ich meine Zweifel, ob und wie der Mensch zu verändern sein könnte.

Ich begann zu verstehen, meine Krankheit war kein Zufall. 

Ich selbst war zutiefst beteiligt. Ich verstand, auch die fehlende Fürsorge für mich selbst, war der Grund. Denn ich hatte gravierende Alarmsignale überhört. Die alleinige langjährige Begleitung meines schwerst behinderten Mannes, meine zu hohe Arbeitsbelastung, meine falsche Ernährung, meine fehlende Stress-Prophylaxe, hatten die Krankheit ausgelöst und das galt es jetzt zu akzeptieren. 

An dieser Akzeptanz arbeite ich bis heute.

Heute weiß ich, ich muss zufrieden sein, dass ich erst jetzt einen Schlag-Anfall bekam und nicht z.  B. vor dreißig Jahren. Warum? Damals hätte man mich n u r  gepflegt, sprich im Bett liegen gelassen. Damals hätte man mich nicht mobilisiert, mich nicht sofort in den Rollstuhl gesetzt und mich nicht zur monatelangen Früh-Reha geschickt. 

Sondern vermutlich hätte man mich sofort in ein Pflegeheim eingewiesen. Und es wäre auch ganz sicher nicht das Thema gewesen, durch intensive Physio- und Ergotherapie, mich so zu stabilisieren, dass ich sogar wieder in meine Wohnung zurückkommen konnte. 

Wie diese bessere medizinische Versorgung, die andere Einstellung zu diesem Krankheitsbild, sich im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert hat, wäre sicher ein lohnendes und spannendes Thema.

Schlag-Anfall: Vor-Boten und Folgen

Jeder, der einen Schlag-Anfall erlitten hat, wird andere, aber vielleicht auch ähnliche Erfahrungen gemacht haben?

Ich habe die Vor-Boten meines Schlag-Anfalls nicht früh genug erkannt. Ich hatte weder Wissen über diese Krankheit noch Interesse, denn: „Ich war doch gesund“ (dachte ich bis dahin).

Heute weiß ich, dass ich durch eine kurz vorhergehende, schwere Darmoperation erhöhten Blutdruck entwickelt haben muss, aber dieser wurde nicht erkannt und darum nicht medikamentös  eingestellt. 

Ich hatte zwei Tage vor dem Drama das erste Mal heftiges Nasenbluten, einen Tag danach stürzte ich und stolperte drei Mal. Ein Freund stützte mich, so dass ich nicht hinfiel.

Am folgenden Morgen rutschte ich vor meiner Haustüre aus und stürzte. Das habe ich zwar noch wahrgenommen, an den Transport ins Krankenhaus, habe ich aber keine Erinnerungen, da ich erst dort wieder (teilweise) erwachte.

Dass ich in einer „Stroke-Klinik“ war, wegen eines Schlag-Anfalls  wusste ich zunächst nicht. Dass mein Bruder und Freunde sorgenvoll an meinem Bett standen, realisierte ich nur wie durch eine undurchdringliche Nebelschicht.

Wie man mir später erzählte, wurden tagelang viele Untersuchungen gemacht, an die ich mich aber nicht erinnere. 

Dass ich linksseitig gelähmt war, auf der linken Seite nichts wahrnahm und einen schiefen Mund hatte, verstand ich nicht.

Ich konnte zwar sprechen, schlucken und denken. Im Dämmerzustand hatte ich Todesängste und  Panikzustände. Nächtliche Albträume waren extrem. Es waren Themen wie: Gewalt, Überfälle, Soldaten und Krieg. Ich versuchte wegzulaufen, was mir nie gelang. Alles war Horror.

Ich wurde (wortlos) gewickelt und gewaschen und hatte extremen Durchfall und Juckreiz. 

(Wie ich heute weiß, aufgrund allergischer Reaktionen durch Schmerzmedikamente.) 

Meine Fragen, wurden mir nicht beantwortet oder ich verstand die Diagnose nicht.

14 Tage später, in der Reha-Klinik begann ich mein  D r a m a allmählich einzuordnen. Ich hatte:

 ⁃ eine H e m i p a r e s e  (Halbseitenlähmung) der linken Körperseite, 

 ⁃ eine S o m n o l e n z  (Benommenheit) und 

 ⁃ einen  N e g l e c t  (Aufmerksamkeitsstörung) 

Was das bedeutete und welchen weiten Weg ich noch vor mir haben würde, realisierte ich aber monatelang nicht.

Viele Aufforderungen etwas zu tun oder am Computer anzuklicken, verstand ich zunächst gar nicht. Ich konnte weder lesen, eine Uhr malen noch Bausteine nach Farben sortieren. 

Ich konnte weder alleine sitzen, stehen noch gehen. Mein linker Arm hing kraftlos herab, ich konnte ihn nicht anheben, die Finger waren im schmerzenden Krampf.

Der Umgang der Pflegekräfte war einerseits freundlich und liebevoll, andererseits hektisch, ungeduldig, kommandierend und ohne Erklärungen. Auf meine Fragen bekam ich oft die stereotype Antwort: „Dafür bin ich nicht zuständig“ oder: „Ich kann jetzt nicht, aber ich kümmere mich drum“. Ergebnis: stundenlanges Warten, ohne Antworten.

Das gesamte Ausmaß meiner Ausfälle begann ich erst zu ahnen, als ich versuchte zu lesen und zu schreiben. Kurze Texte wurden mir links mit einem gelben Stift markiert, da ich lange nicht verstand, warum ich beginnen musste, zuerst links hinzusehen.

Durch den gelähmten Arm konnte ich kein Buch halten, es fiel mir sofort herunter. 

Darum besorgten mir Freunde ein  T a b l e t  v o n  A p p l e  und zum allgemeinen Erstaunen, konnte ich das relativ schnell verstehen und bedienen. Ich lernte dadurch vor allem wieder kurze Texte zu lesen und zu schreiben, da die Maschine nur von links nach rechts schreiben kann. Dadurch erlangte ich jetzt ein wenig Zufriedenheit, da diese beiden Tätigkeiten immer schon ein großer Teil meines Lebens gewesen waren.

Immer wieder drehten mir Freunde und Therapeuten bei den Übungen meinen Kopf nach links, um meine Wahrnehmung für die linke Seite zu schulen, was (heimliche) Wut bei mir auslöste.

Mir wurde jetzt (noch undeutlich) bewusst, dass auch deswegen meine Depression zunahm, da erst drei  Monate vor meinem Schlag-Anfall mein Mann gestorben war und ich diese Tatsache noch gar nicht umfassend betrauert hatte.

Ich dachte zu der Zeit, ich sei geistig behindert, da ich Aufgaben oft weder mental verstehen noch feinmotorisch händeln konnte. Ich glaubte den Therapeuten nicht, dass dies eine vorübergehende Störung sei. 

Ich konnte mich nur kurze Zeit konzentrieren. Geräusche und Bewegungen anderer Menschen direkt neben mir, bewirkten sofortige Unterbrechung meines Tuns.

In vier Monaten in der Reha hatte ich  k e i n  E i n z e l z i m m e r, 

was ich als sehr belastend empfand, da die verschiedenen Bettnachbarinnen sowohl desorientiert als auch ständig schimpfend und aggressiv sowohl gegen mich als auch gegen die Pflegekräfte waren. 

In den letzten zwei Monaten, war das nächtliche, laute Schnarchen der Bettnachbarin zusätzlich extrem belastend. Da ich selbst noch nicht aufstehen konnte, um sie auf die Seite zu drehen, die Pflegekräfte, verständlicherweise, nicht bereit waren, dies mehrmals in der Nacht für mich zu tun, habe ich darunter sehr gelitten.

Aufbauend und geduldig waren in dieser Zeit sowohl die Musiktherapeutin, der Psychologe als auch (fast alle) Physiotherapeuten. Da gab es für mich nur die große Überforderung, dass diese ständig wechselten.

Sehr kritisch erlebte ich den Ergotherapeuten. Er behandelte mich z. B. im Bett mit einer Armmassage, sprach aber währenddessen, von mir abgewandt, mit der Kollegin, die meine Bettnachbarin behandelte, mit ihr über ihr Privatleben, statt sich uns zuzuwenden.

Ich nahm diesen unprofessionellen Umgang zwar wahr, konnte damals aber weder mental nachfragen noch mich darüber empören.

(Diese Tatsache, sprich die völlig fehlende Auseinandersetzungsfähigkeit blieb mir auch zu Hause noch lange erhalten.)

Die  A r z t g e s p r ä c h e  waren in dieser Phase ausschließlich frustrierend und nie aufklärend und beruhigend. Zum Beispiel musste ich mir einmal den schnellen Satz anhören: „Sie müssen mit einer Gehirn-Operation rechnen“ und bevor ich nachfragen konnte, machte er schon wieder die Tür von außen zu.

Ein gutes Therapieangebot war für mich, trotz der Behinderung wieder kochen zu lernen. Ich bekam dabei Hinweise über Geräte für Einarmige, denn mein Ziel war es, zu Hause wieder täglich für mich alleine zu kochen. 

Ein gemeinsamer Besuch mit der Physiotherapeutin  in meiner Wohnung, nach drei Monaten, leitete die Rückkehr nach Hause ein. Sie konnte mir durch ihre Erfahrungen konkrete Vorschläge machen, wie meine Wohnung behindertengerecht ergänzt werden könnte. Wir bauten die Küche aber nicht um, da ich mich inzwischen wieder alleine aus dem Rollstuhl zum Stehen hochdrücken konnte.

Alle Teppiche wurden entsorgt und im Bad wurden Haltegriffe angebracht, ein Dusch- und ein Toilettenstuhl gekauft.  Die Toilette wurde durch einen erhöhten Sitz verändert. (Kostenübernahme, nach Antrag, durch die Krankenkasse.)

Für viele alleinlebende Menschen werden die Umbaumaßnahmen viel gravierender sein müssen. Hauptprobleme sind oft der fehlende Fahrstuhl, die Überwindung von Treppen und ein Handlauf im Treppenhaus, auf beiden Seiten.

Der evtl. Umzug war in der  Reha   d a s  Angst-Thema unter uns Patienten, denn die wenigsten hatten vor ihrer Erkrankung bereits vorgesorgt.

In der Reha waren die liebevollen, treuen Besuche von Familie und Freunden, am Wochenende, das Wichtigste, um mich allmählich psychisch wieder zu stabilisieren. 

Das  W i e d e r – a l l e i n- s e i n -K ö n n e n, empfand ich dann in den ersten Wochen zu Hause als eine hohe Lebensqualität. Das war natürlich nur dadurch machbar, weil ich inzwischen gelernt hatte mich alleine an-und auszuziehen. (Dazu besorgte eine Freundin mir Nachthemden, Hosen und Tshirts, jeweils zwei Nummern größer, um mir dadurch das Anziehen zu erleichtern.)

Zunächst bezahlte ich privat verschiedene Haushaltshilfen, die aber weder professionell noch sehr geduldig mit mir umgingen, d.h. ich fühlte mich nicht ausreichend gefördert und gefordert, heute würde ich sagen, sie waren keine Profis. 

Das wurde für mich erst besser als 2017 der Pflegegrad gültig wurde. Ich bekam, da weiterhin der Arm linksseitig gelähmt ist, den  P f l e g e g r a d  2.  Aber auch hier gilt, es bedarf professionell ausgebildeter Alltagsbetreuer, um  g u t  versorgt zu sein. 

Zu mir kommt jetzt zwei Mal die Woche, für 2 Stunden, eine Hilfe, mit der evtl. Option auf einen dritten Termin. Die Alltags-Hilfe wird jetzt für mich über einen  a m b u l a n t e n   P f l e g e d i e n s t erfüllt. Dieser kommt regelmäßig und zuverlässig und immer zur gleichen Zeit. Grundsätzlich auch dann, wenn eine Vertretung notwendig ist. 

Ein sehr gutes Konzept, das leider noch nicht generell üblich ist.