Einführung

Warum ein neuer Blog zum Thema: Schlag-Anfall?

„Trotz alledem“

Das Geschehen, einen Schlag-Anfall erlitten zu haben, hat Ihr Leben und das Ihres Angehörigen schlagartig verändert? Egal, ob Sie ab sofort im Rollstuhl sitzen mussten oder Ihren Alltag mit größeren Einschränkungen aber nur mit Hilfe bewältigen konnten, es hat sich viel verändert. Es gibt für dieses  D r a m a   viele verschiedene Ursachen/Namen/Erklärungen.

Ich verwende hier den umgangssprachlichen Begriff Schlag-Anfall. Ich gehe in diesem Blog davon aus, dass Sie selbst bereits Expertin/Experte sind und wissen, was durch Ihren Schlag-Anfall medizinisch gesehen, geschehen ist. 

Vielleicht ist auch Ihr Schlag-Anfall längere Zeit her? Ich vermute, Ihre Schlag-Anfall-Geschichte ist vielleicht harmloser oder sogar heftiger ausgefallen? Auch Sie und Ihre Angehörigen kämpfen weiterhin mit den Folgen?

Sie haben täglich viele offene Fragen? Und Sie kennen in Ihrem direkten Umfeld, Niemanden, der ebenfalls um die Beantwortung dieser Fragen ringt? Sie hatten bisher wenig Austausch mit anderen Betroffenen?

Sie ahnen es schon, ich bin ebenfalls Betroffene und dadurch entstand meine Idee, ich nehme Sie mit auf die  A b e n t e u e r – Re i s e   zum Thema Schlag-Anfall. Ich habe mir in den Jahren in meinen Selbstgesprächen und im Austausch mit anderen, viele Fragen gestellt, Antworten gesucht und meine Erfahrungen, in Kurz-Geschichten oder Anekdoten aufgeschrieben. Ich habe versucht, trotz alledem den Humor nicht zu vergessen. Ich weiß, das gelingt oft auch nicht.

Vielleicht kann ich Sie mit diesem Blog neugierig machen, auch Ihre spezielle Geschichten aufzuschreiben? Ob das Ihnen ebenso Entlastung bringt, wie mir? Das wäre ein Versuch wert.

Mir hat meine Geschichte beim Wiederlesen, nach zehn Jahren erneut die Erkenntnis gebracht, ich kann mir selbst dafür Anerkennung geben, was ich auf meiner  W a n d e r u n g geschafft habe. Ich weiß, zu Ende ist sie noch nicht. Beim  D a d d e l n  in anderen Blogs fehlte mir oft der psychologische Aspekt des Themas Alltagsbewältigung und die psychischen Folgen nach einem Schlaganfall oder anders ausgedrückt: Was gibt es, auch noch nach Jahren für „Long-Schlaganfall-Syndrome“?

Vorwürfe, schnelle Ratschläge von  B e s s e r-W i s s e r n   sind entweder falsch, kränkend und vor allem nicht hilfreich. Es gelingt leider oft nicht immer erfahrene Menschen zu finden, die einen auf diesem neuen Weg geduldig begleiten. Ich selbst versuche jeweils meine kreativen Lösungen zu suchen. Meine und auch Ihre Schlaganfall-Geschichte ist einmalig, so wie auch Jeder von uns einmalig ist.

Meine Ideen könnten darum vielleicht für Sie ein Einstieg sein sowohl durch Lesen dieses Blogs als auch durch Mit-Schreiben, neue Sichtweisen auf Ihr Handicap zu bekommen und dadurch andere ermutigen, damit offener, kreativer und wohlwollender umzugehen. Ich werde hier in Zukunft meine Gedanken, Erfahrungen, Ideen zum Thema beschreiben. In der Hoffnung, dass ich Sie motivieren kann, mitzumachen.

Nicht, dass Sie jetzt denken, ich habe den Blog alleine geschrieben. 

Ja, die Texte sind tatsächlich alle von mir. Ja, für den Umgang mit der Technik, hatte ich kontinuierlich einen jungen Experten an meiner Seite. Er war sowohl einfühlsam als auch kreativ. (Es war seine konstruktive Idee, meine Texte zu vertiefen durch eigene Fotos.) Ich hatte an mich nicht den Anspruch, dieses „1Technik-Monster-Thema“, jetzt auch noch lernen zu wollen.

Ja, ich freue mich über das Ergebnis und hoffe, dass für Sie und Ihren Alltag Anregungen dabei sind. 

Erklärung der Struktur:

  1. Überschrift 
  2. Aphorismen oder Definitionen (Es dürfen nur Zitate verwendet werden, von Autoren, die bereits vor 70 Jahren gestorben sind.)
  3. Evtl. passendes Foto, von mir selbst erstellt.
  4. Selbst erlebte Kurzgeschichten, Anekdoten oder A b e n t e u e r.

Aus meiner Sicht wäre es sinnvoll entweder Blogs anderer Betroffenen zu lesen oder zu beginnen selbst zu schreiben. Es ist eine ebenso kreative Lösung wie malen, ein Instrument spielen, mit anderen singen und tanzen. 

Alles ist besser als in der starren Haltung zu verharren: „Ich kann in meinem Leben nichts  mehr verändern“ oder „Es lohnt sich nicht, meine Gedanken, Erinnerungen und Erfahrungen aufzuschreiben, da ich ja nicht schreiben kann.“ Diesem Vorurteil möchte ich hier bereits widersprechen, wenn ich behaupte: „Jeder kann schreiben.“

Aphorismen

„Es ist nicht von Bedeutung, wie langsam du gehst, solange du nicht stehen bleibst.“

(Konfuzius, chinesischer Philosoph, Politiker, 551-479 v. Chr.)

Ein Aphorismus ist ein geistreicher Gedanke, die Lebensweisheit eines anderen Menschen, der eine bestimmte Erfahrung gemacht hat, geprägt u.a. durch das Wissen aus: Geschichte, Psychologie, Medizin, Religion und Lebenserfahrungen.

Kürzlich war ich wieder einmal erstaunt, was ich beim Aufräumen in meiner Wohnung fand: Drei kleine Schulhefte, mit von mir notierten Aphorismen, Sprichwörtern, Gedanken-Splittern berühmter Menschen und eigenen  Texten… 

Diese aufzuschreiben, damit hatte ich schon während meiner Kindergärtnerinnen-Ausbildung, 1963, begonnen.

Leider beendete ich vor zehn Jahren diese gute Tradition, bedingt durch meinen Schlag-Anfall.

Mein Lieblingssprichwort aus Afrika ist:

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“

Der große Schweizer Pädagoge Remo Largo hat ihn zu seinem Leitspruch gemacht. Er gilt bis heute auch für mich, da ich das Thema Geduld nach wie vor noch immer nicht genügend bewältigt habe.

Durch Anklicken weiterer Aphorismen kam mir die Idee, diese für meinen Blog zu nutzen, um mich dadurch beim Schreiben zu motivieren und ich war selbst verblüfft wie viele Aphorismen zu meinen Ideen passten.

(Zur Erinnerung, ich darf in einem Blog nur die Autoren zitieren, die bereits vor 70 Jahren gestorben sind.)

Wichtige Aphorismen tüchtiger Frauen sind für mich, u.a.: „

„Nenne dich nicht arm, weil deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind. Wirklich arm ist nur, wer nie geträumt hat.“ Marie von Ebner Eschenbach, Schriftstellerin, 1830 bis 1916

„Hilf mir es selbst zu tun.“ Maria Montessori, Ärztin und Pädagogin, 1870-1952. Sie werden im weiteren Verlauf meines Blogs noch viele Lebensweisheiten kennen lernen.

Und hier eine meiner weiteren (alt englischen) Lieblingssprichwörter: „Das ist der erste Tag vom Rest deines Lebens, nutze ihn.“

Mein Schlag-Anfall, Stroke-Klinik

Ich freute mich, nach dem Ausstieg aus dem Berufsleben und dem Tod meines Mannes auf mein neues Leben im (Un-)Ruhestand. Ich hatte dafür viele Pläne, vor allem wollte ich reisen. Ich freute mich auf ein unabhängiges und lebensfrohes Dasein, ohne Verpflichtungen wie tägliche Besuche im Pflegeheim. Ich übernahm Ehrenämter wie die Gestaltung eines Kulturcafés und engagierte mich in einer Gartengruppe. Ich phantasierte mich am Computer sitzend und ohne Zeitdruck ein neues Buch schreibend.

Aber dann hatte ich, vier Monate nach dem Tod meines Mannes einen Schlag-Anfall. Ich nahm den Sturz vor der Haustür noch wahr. Aber, ich habe keine Erinnerung daran, dass ich danach eine halbe Stunde im Regen vor der Tür gelegen habe. Ich weiß auch nicht, dass ich selbst die Haustür aufschloss, mit dem Fahrstuhl in den zweiten Stock fuhr und bei Nachbarn klingelte. Sie sorgten sehr schnell dafür, dass ich in die Stroke-Klinik kam (eine Spezialklinik für Schlaganfallpatienten). 

Dort folgten wohl viele Untersuchungen und die Aufnahme in einen Überwachungsraum mit anderen Patienten, dicht neben drei Männern und zwei Frauen.

Der Horror schlechthin, daran habe ich insgesamt wenig Erinnerungen, außer an die Albträume von: Gewalt, Überfällen, Soldaten und Krieg.  Dass ich linksseitig gelähmt war, verstand ich zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht. Im Dämmerzustand jagten ununterbrochene Panikzustände durch meinen Kopf. Ich wusste nicht, was das alles bedeutete. Aber genau das machte meine Situation unerträglich. Verwirrt war ich nie. Ich hätte mir aber in diesem Zustand eher gewünscht, nichts zu denken und zu fühlen. Ich nahm wahr, ich wurde gewickelt und hatte anhaltenden Durchfall und extremen Juckreiz, vermutlich bedingt durch hohen Tablettenkonsum.

Ein Riesen-Problem war, dass die Pflegekräfte unfähig waren, mir meine Zahnprothese herauszunehmen, was ich selbst durch die Lähmung der linken Hand nicht konnte. 

Viele Informationen stürzten auf mich ein, die ich aber weder verstehen noch verarbeiten konnte. Mit den Fragen, ob ich überleben würde oder ob es nicht besser wäre, wenn ich sterben könnte, blieb ich tagelang allein. 

Schnell war klar, ich müsste in eine Reha.


Früh-Reha


Aus dem Entlassungsbericht der Stroke-Klinik:

„Plötzlich aufgetretene Parese (Teilausfall) der linken Seite sowie Somnolenz (Benommenheit). Es besteht ein mnestisches  Defizit (Gedächtnisstörung) und ein linksseitiger Neglect (Wahrnehmungsstörung).

Sie berichtete, zwei Tage vorher habe sie massiv Nasenbluten gehabt, welches sie sonst nicht kenne. Vor vier Wochen sei es aufgrund einer Divertikulitis (Darmentzündung) zu einer Sigmaresektion (operative Entfernung eines Teils des Dickdarms) gekommen.

Die Patientin nahm keine Medikamente und lebte bis zum Ereignis in Selbstversorgung zu Hause.“

Eine Freundin übernahm es, sofort mittels E-Mail, meine Bezugspersonen zu informieren, was ich als ungeheure Entlastung empfand.

Ich merkte sehr schnell, dass hier fast alle Patienten viel schlechter dran waren als ich, da sie oft weder sprechen, schlucken noch verstehen konnten und verwirrt waren.

Und ich begann zu ahnen, welche lange Wanderung ich noch vor mir haben würde.

Ich verstand jetzt erstmals, dass ich nichts auf der linken Seite wahrnahm. Ich konnte darum viele Tests und Aufgaben gar nicht erfüllen. Ich konnte z. B. keine Uhr malen, einer der klassischen Tests. Ich konnte Bausteine nicht nach Farbe und Größe sortieren. 

Ich konnte zwar, im Gegensatz zu den meisten Mitpatienten, allein essen, verstand aber nicht, da mein Mund noch schief war, warum mir das Essen aus dem Mund herausfiel.

Ein Therapeut erzählte mir ein Beispiel und versuchte mir damit den Neglect zu erklären, d.h. die jetzt noch fehlende Wahrnehmung auf einer Seite:

„Zwei seiner Patienten saßen sich am Tisch gegenüber und aßen, als der eine empört feststellte, sein Gegenüber habe Fleisch auf dem Teller, er aber nicht. Darauf der andere: „Und ich habe kein Gemüse.“ Erst als der Therapeut die Teller jeweils halb verdrehte, sahen sie, dass sie doch beides auf ihren Tellern hatten.“

Ich konnte lange nicht an der Bettkante sitzen, da ich die durch die Lähmung der linken Seite umfiel. Ich konnte weder alleine sitzen, stehen noch gehen.

Ich versuchte sehr bald am Laptop zu schreiben und zu lesen, aber auch das ging zunächst gar nicht. Meine Reaktion darauf war, totale Entmutigung und Hoffnungslosigkeit. Ich dachte, ich sei geistig behindert und müsse nach der Reha ins Pflegeheim. 

Zahlreiche Therapien (pro Tag, sieben verschiedene), erforderten meine gesamten Kräfte, vor allem, da ich noch extrem unkonzentriert war:

Neuropsychologie,

Physiotherapie,

Ergotherapie, 

Stehpult, 

Radfahren, am Motomed 

und auf meinen speziellen Wunsch: Musiktherapie.

Dadurch machte ich zunächst für mich kaum wahrnehmbare, aber kleine Fortschritte.

Ich machte am Laptop zunächst alles, wirklich alles falsch. Aber es waren doch  n u r  Arbeitsblätter, so wie ich sie früher den Vorschulkindern gab. Das Versagen provozierte bei mir eine ungeheure (heimliche) Wut.

Meine Freunde kauften mir einen Kindle Book reader (später Tablet), da mir Zeitungen und Bücher durch die Einarmigkeit immer herunterfielen. Ich verstand die Benutzung, zum allgemeinen Erstaunen, sehr schnell und begann zunächst bekannte Lieder zu lesen und leise zu singen.

Ich begann Gedichte, die ich auswendig konnte, im Buch nachzulesen, es waren vor allem die von mir geliebten Gedichte von Mascha Kaleko.



Da ich kein Einzelzimmer hatte, waren die Nächte insgesamt ein Grauen. Meine demente Zimmernachbarin  r a n d a l i e r t e, natürlich nicht extra, um mich zu ärgern, das wusste ich schon. Entweder schnarchte sie, erbrach sich, schrie laut oder rief dauernd: „M a n n o m a n n“. Ich klingelte für sie, da ich Angst hatte, dass sie an ihrem Erbrochenen ersticken könnte. Spätestens beim dritten Klingeln wurde ich dafür von einer Schwester angeschrien und danach kam sie gar nicht mehr. 

Mein Versuch, mich am nächsten Morgen beim Pflegedienstleiter darüber zu beschweren, endete mit seinem Satz: „Ich kümmere mich darum.“

Nie wieder kam er darauf zurück und ich selbst war zu dem Zeitpunkt noch unfähig, mich weiter auseinanderzusetzen.

Und so sah zunächst eine eigene Mail aus: 

„…Wie kommen die vielen fehler tzustnde? früher dhrieb ich blitzdnell, mit dem 

Zeigefinger der rechten in de linken Hand, jetzt Burg mit rechts. Ws macht i8n meinem gehirn?

Wahrscheinlich häzzei ch d anridpressiva nivht absetzen dürfen Gefahr der antekung durch ndere ptient.n,nicht nur die Bronchitis ist anstekend, sondern auch Stimmungstief,schimpfen auf ärzte und chwestern. 

Ich kann dem noch kum ets entgegensetzten, aber dafür keine Energien…“

Auf den Stationen herrschte ein spezieller Sprachgebrauch bei den Pflegekräften: „Warum will er nicht essen?“ oder: „Was macht er denn da?“, brüllte eine ungeduldige Schwester einen Patienten an, der mit seinem Rollstuhl immer im Kreis fuhr. Ich war empört, wollte ihm beistehen, konnte ich aber nicht. Ob sie selbst jemals versucht hat, mit einer Hand den Rollstuhl vorwärts zu bewegen? Da fährt man nämlich im Kreis. Und der Klassiker kommt nicht nur in Arztfilmen vor: „Wollen wir jetzt ins Bett gehen?“ Ob sie diesen Sprachgebrauch selbst bemerken? Vermutlich nicht. Ich konnte damals solche Sprüche nicht mit Humor nehmen, sondern fand sie extrem unempathisch. 

Ich erfuhr eine ungeheure Entlastung durch Wochenendbesuche meiner Freunde, obwohl sie ca. 40 km entfernt wohnten.

Der Besuch eines Freundes, der mich mit acht verschiedenen Klangschalen bespielte, war hier das high light. Ich konnte die Klänge nicht nur hören, sondern die Schwingungen direkt auf meinem Körper spüren. Tatsächlich nahm ich in der linken Hand ein Kribbeln und Wärme wahr. 

Etwas abenteuerlich war leider, dass dieses Experiment im Flur stattfinden musste, da es dafür keinen ruhigen Raum gab. (Als wir dass dann später, bei mir zu Hause, wiederholten, war die Erfahrung sehr viel intensiver und damit auch entspannender.)

Mit anderen Freunden machten wir eine neue Wohnungsplanung und erstellten Listen, was entsorgt werden musste, denn ich würde mit dem Rollstuhl nach Hause kommen. Ich fühlte mich trotz der Hilfen von allem total überfordert.

C h e f v i s i t e  nach vier Monaten, auf dem Flur: „Fassen sie mal ans linke Ohr!“ Konnte ich sofort. Er, an den Kollegen gewandt. „Sehen sie, sie hat keinen  Neglect mehr.“ Eine hilfreiche und gründliche Diagnose, das meine ich aber zynisch, denn ich fühlte mich nicht ernst genommen und bekam, wieder einmal, keine Aufklärung über diese schwere Krankheit. Sie gingen weiter, ohne meine dringenden Fragen zu beantworten, z. B. die, ob ich am Kopf operiert werden müsse, wie man mir bei einer ersten Visite angedroht hatte. Mit meinen Ängsten blieb ich allein.

Erster Ausflug im Rollstuhl 3 Wochen nach dem Schlaganfall in der Reha


N a c h  d e r  F r ü h – R e h a  z u   H a u s e:

Als ich dann endlich nach vier Monaten wieder zu Hause in meiner eigenen Wohnung war, war mein größtes Glück, alleine sein zu können. Hier konnte ich meine Wut herauslassen, denn oft klappte vieles noch nicht. Hier konnte ich weinen, weil ich alleine war.

Viele Ausfälle nahm ich jetzt wahr, wenn ich aber etwas Neues machte, hatte ich noch starke Defizite. Ich konnte den Anrufbeantworter nicht mehr abhören, konnte weder die Pillen richtig stecken noch im Netz etwas bestellen. Alles, alles musste ich jeweils zwei bis drei Mal mit einer Hilfe machen, dann wusste ich es wieder.

Die gute Nachricht als ich wieder zu Hause war: 

Ich konnte zufrieden sein, über meine vielen Fortschritte.

Die schlechte: Ich war immer noch einarmig, nein eher einhändig und würde es vielleicht auch noch lange bleiben?

Die sehr gute Nachricht: Ich hatte liebevolle und professionelle Therapeuten, die zu mir nach Hause kamen

Die schlechte: Mein Körper hörte oft nicht auf sie…

Die ebenfalls sehr gute: Ich hatte vor allem aufbauende und geduldige Bezugspersonen.

Die schlechte: Ich war trotzdem oft einsam und vor allem ungeduldig.

Hier fiel mir darum das  L e b e n s m o t t o  des Schweizer Pädagogen wieder ein:

„Das  Gras wächst nicht schneller, wenn  man daran zieht.“

Die gute Nachricht: Ich konnte denken und schreiben, mit dem IPad sowohl Zeitung als auch Bücher lesen.

Die schlechte: Ich brauchte weiterhin viel Hilfe. 

Die gute, ich lebte allein in meiner schönen Wohnung. 

Die schlechte: Die Bewältigung des Alltags dauerte täglich soooo lange.

Die sehr gute: Ich hatte wieder begonnen intensiv zu lesen, dank der genialen Technik. 

Die schlechte, ich war dabei noch oft mit meiner Langsamkeit konfrontiert.

Das lesenswerte Buch von Sten Nadolny, mit dem Titel: „Entdeckung  der Langsamkeit“, fiel mir wieder ein. Aber noch konnte ich sein dickes Buch bzw. so ein kindle Buch nicht wieder lesen, wegen noch fehlender Konzentration.

Das Wort Geduld konnte ich nicht mehr hören. Es löste, von Besserwissern mir ungefragt übergestülpt, bis heute eine (heimliche) Welle von Wut aus: „Mensch, ihr könnt vielleicht schlau reden, weiß ich doch selbst, dass ich Multitasking nicht mehr leisten kann.“

Und dann begann ich wieder zu schreiben, angeregt durch die Teilnahme an einer Schreibwerkstatt, als Kompensation, da die körperliche Entwicklung nur schleppend voran ging.

Und schon damals entstand die Idee einen Blog zu schreiben, die Umsetzung aber dauerte Jahre.

Zehnter „Geburtstag“, Bestandsaufnahme

„Denke nicht so oft an das, was dir fehlt, sondern an das, was du hast.“

Marc Aurel, Römischer Kaiser, 121-180 n. Chr.

Dem Satz kann ich nur zustimmen.

Ja, ich kann nicht mehr länger gehen, aber aufgestützt auf den Stock, ist es noch machbar,

Ja, ich kann keine Radtouren mehr machen, aber fahren auf dem Standfahrrad ist wieder möglich.

Diesen Jahrestag nehme ich zum Anlass, meinen Blog zu beginnen.

Denn schon sehr lange, trieben mich die Fragen um, wo und wie bekommen sowohl Schlag-Anfall-Patienten als auch deren Angehörige neue Ideen und sachliche Informationen, auch noch Jahre nach dem Drama?

Wo bekommen Sie heute, selbst dann, wenn Sie noch immer zu Hause wohnen können, andere Impulse her?

Seit ich schreibe, was zunächst, eher einsam ist, tut mir das so gut, dass sich seitdem meine gesamte Stimmungslage verbessert hat. Darum meine Frage, ob ich Sie evtl., bereits mit dem heutigen Lesen und vielleicht bald mit dem vorsichtigen Mit-Schreiben, anstecken kann?

Vor gar nicht so langer Zeit, hat man solchen Patienten wie wir es sind weder eine Früh-Rehabilitation noch eine evtl. Langzeit-Reha, (mit Physio- Ergo- noch Sprachtherapie) angeboten. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was das bedeutet hat, keine Mobilisation, keine Angebote, keine Versuche der Kommunikation zu bekommen, sondern nur gepflegt zu werden.

Ich weiß natürlich, das Leben nach einem Schlag-Anfall, wird sich schlagartig total verändern und es dauert oft lange (oder gelingt vielleicht auch nie) zu lernen, das zu akzeptieren.

Ich hoffe, ich werde Ihnen hier in Zukunft vermitteln können, dass das Leben zwar anders, aber doch auch punktuell noch lebenswert werden kann. Es bleibt kompliziert und oft verlieren wir die Motivation und noch öfter den Humor.

Klar, meine Anregungen sind keineswegs vollständig und darum freue ich mich darauf, wenn Sie mir Ihre weitergeben würden.

Es ist nicht egal, ob Sie noch immer alleine leben können und stundenweise, zwei, drei Mal in der Woche (wenn Sie Pflegestufe zwei haben sollten), eine professionelle Haushaltshilfe (durch einen ambulanten Betreuungsdienste, finanziert von derPflegeversicherung) haben.

Vielleicht haben Sie aber auch rund um die Uhr einen liebevollen Menschen an Ihrer Seite, der Sie sowohl bei allen Defiziten als auch emotional unterstützt. Das sind jeweils andere Herausforderung, generell bedeutet es aber, vieles muss neu organisiert werden.

Es ist nicht egal, ob ich mir bereits einfühlsame Ärzte, Therapeuten, Friseurinnnen, Fußpflegerinnen suchen konnte, die mich, auch noch nach zehn Jahren, aufbauend und herausfordernd in der Wohnung begleiten. Denn sollten diese unfreundlich, nörgelnd, besser-wisserisch mit mir umgehen, tun sie mir nicht gut und ich darf bzw. sollte mich sogar von ihnen trennen.

Ich kann durch meine Reflexion dazu beitragen, dass es sowohl mir selbst als auch meinen

Helfern gelingt, dass wir gut miteinander kommunizieren.

Ich weiß natürlich um meine eigenen zahlreichen Konfliktstellen, Katastrophen, Wein-Anfälle und Hilflosigkeits-Arien, aber ich kann mich auch freuen über meine großen und kleinen Fortschritte, meine kreativen neuen Ideen, die mir das Leben wieder lebenswerter machen, trotz körper- und psychischer Einschränkungen.

WAS GEHT ABER HEUTE BEI MIR GAR NICHT MEHR:

„Ich muss nicht müssen müssen“ (Bettnachbarin im Krankenhaus)

Alleine einkaufen gehen und Marktbesuche

Längere Spaziergänge

Radfahren

Restaurantbesuche

Besuche bei Freunden, ohne Fahrstuhl

Kulturelle Veranstaltungen

Ausflüge, Reisen, nur mit anderen im Schiebe- oder Elektrorollstuhl

Chorreisen

Streitgespräche

WAS WÜNSCHE ICH MIR WEITERHIN:

„ Fange nie an aufzuhören, höre nie auf anzufangen“ (Marcus Tullius Cicero, Philosoph, 106-43 v. Chr.)

Langsamer werden und noch aktiv sein können

Neugierig bleiben

Nähe und Distanz zu anderen Menschen bewusst gestalten

Veränderungen durch eigene Krankheit und Abschiede, neu aufnehmen

Austausch über gemeinsames Älter-Werden und den Wert Alleine-sein-zu-Können neu entdecken

Lesen und Schreiben

OFFENE FRAGEN:

„Wird schon wieder?“ (Türkische Bettnachbarin)

Wo lasse ich meine Wut?

Wie vermeide ich unnötigen Stress?

Arbeiten an falschen Erwartungen gegenüber anderen?

Thema Eifersucht, berechtigt oder überflüssig?

Humor, wie wieder erlangen?

Wie überwinde ich meinen „inneren Schweinehund“, um Bewegungsübungen kontinuierlich zu schaffen?